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Radio Hamburg

Haben wir verlernt zu lieben?

Über die Unterdrückung des Selbsts in Beziehungen

Hamburg, 24.08.2017
Traurig Beziehung

Richten wir uns in Beziehungen einfach zu sehr nach dem Partner? Und gehen dadurch unsere Emotionen und die Fähigkeit zu lieben verloren?

Kann man das Lieben verlernen? Ein Gefühl, das eigentlich seit unserer Geburt zu uns gehört und welches sich stetig entwickelt. Doch schaut man sich Beziehungen heutzutage an, dann bemerkt man, dass einige Paare wie auf Eierschalen umeinander herumtanzen, damit der Partner zufrieden ist und die Beziehung lange hält. Doch dabei verliert man sich oft selbst. Hat sich deshalb unser Gefühl der Liebe zurückentwickelt?

Verlieben vs. lieben

Die Unterscheidung zwischen verliebt sein und lieben ist allgegenwärtig bekannt. Die Liebe folgt auf die Verliebtheit, nicht umgekehrt. Während das Verliebt-sein hauptsächlich auf körperlichen Empfindungen basiert, wie zum Beispiel kribbeliger Aufregung, zittrigen Knie und Nervosität - basiert die Liebe auf Vertrauen. Man vertraut darauf, dass das Objekt der Begierde einen so nimmt, wie man ist. So verspürt man kein Gefühl seine Schwächen verstecken zu müssen, denn mittlerweile kennt man sich ziemlich genau. Aus zwei ängstlichen und voreinander Rücksicht nehmenden Schauspielern, werden sich zwei in- und auswendig kennende Schwächen. Bis man dann schließlich nur noch die Schwächen sieht. Im Anderen. Nicht in sich selbst. Irgendwann sieht man den Partner dann gar nicht mehr.

Vertrautheit oder Langeweile?

Natürlich, eine leicht überspitzte Darstellung. Trotz allem wirkt es so, als hätten wir verlernt erfolgreich aus der Verliebtheitsphase, in die Phase der Liebe zu wechseln. Oft wird das Vertrauen in den Partner nämlich mit der Langeweile, sein Gegenüber auswendig zu kennen, verwechselt. Geliebte Macken werden zu verhassten Eigenarten.

Es gibt natürlich auch gegenteilige Situationen, in welcher der eine Partner den anderen mit all seinen Schwächen liebt und ihn gerade wegen dieser Schwächen nicht verlieren will. 

Emotionale Abhängigkeit

Es geht aber auch nicht so vorbildlich. Hier kommen kompliziertere Beziehungskonstrukte ins Spiel. Die „Emotionale Abhängigkeit“ schleicht sich so langsam in eine Beziehung, so dass es fast gar nicht auffällt, wenn sie sich eingenistet hat. Wie eine Mücke schleicht sie sich im Schlaf an, erst viel später folgt die Realisation, dass man gestochen wurde. Langsam verschwindet das eigene Glück und wird ersetzt durch das Leben des Anderen. Der Betroffene lebt sein Leben, indem er sich nach den Gefälligkeiten des Partners bzw. der Bekanntschaft richtet. Man ist nur noch glücklich, wenn man seine Zeit mit dem Partner teilt. Ständig ist man abrufbereit und stellt andere Freunde in den Hintergrund. Der Unabhängige kann dabei nichts für das Klammern des emotional Abhängigen.

Alarmstufe Rot

Die Abhängigkeit entsteht durch die Unfähigkeit, alleine zu sein. Das Leben ohne den Partner wird unvorstellbar – und hier herrscht keine romantische Illusion, die auf eine Hochzeit anspielt. Wenn Gedanken auftauchen à la „Eigentlich macht mein Leben ohne diese Person gar keinen Sinn. Ich wüsste gar nicht was ich ohne ihn machen soll “, sollten die Alarmglocken aufleuchten – in allen Rottönen gleichzeitig. Denn, hier spricht meist die Angst alleine zu sein. Und nicht selten vertreibt diese Abhängigkeit dann den Partner. Durch eifersüchtige Kontrollattacken oder konsequentes Klammern.

Overthinking

Zerdenken wir die Dinge zu sehr um echte Gefühle zu erleben? Schließlich wird die Liebe heute stark rationalisiert.

"Ich kann das nicht machen, weil...man macht das nicht", wird zum Standardwerk der Begründungen, weshalb man jetzt nicht sagen und fühlen kann, was man will. All diese Erlebnisse sind Meilensteine für unser zukünftiges Handeln. Wir wollen nicht wieder verletzt werden. Wir passen uns immer weiter an und überdenken Situationen, in denen wir eigentlich nur fühlen sollten.

Klammern

Ist man nun des Öfteren enttäuscht worden, durch zum Beispiel eigene Erwartungen, verliert man den Glauben an Beziehungen und versucht sein Glück mit neuen Bekanntschaften. Man versucht ganz cool zu bleiben, zu zeigen, dass man an die neue Bekanntschaft überhaupt keine Erwartungen stellt. Denn man darf jetzt auf gar keinen Fall klammern. Nicht schon wieder das eigene Glück abhängig von jemandem machen.

Außerdem scheint es sozial verpönt, sich in unserer schnelllebigen Gesellschaft festzulegen. Schließlich sind wir jung und wollen die Welt entdecken. Dabei ist ein klammernder Partner meistens nur ein Klotz am Bein - und da draußen gibt es immerhin so viele potenzielle Partner, die man sich alle warmhalten kann. Benching und Ghosting werden akzeptiert. Es geht nur noch um den eigenen Nutzen, nicht um die gemeinsamen spaßigen Erfahrungen die man machen kann. Was bietet mir dieser Partner?

Die Bindungsphobiker leben ihren Freiheitstraum, die Abhängigen finden sich mit den emotionalen Grenzen ab und verhalten sich so, als wäre das „Im Moment leben “ und „Sieh es doch locke r“, kein Problem. Siehst du es locker, sehe ich es auch locker . Man möchte den potenziellen Partner schließlich nicht verschrecken. Man akzeptiert all das, was der andere einen unbewusst vorschreibt. Hey, es ist absolut in Ordnung, wenn seit einer gefühlten Ewigkeit zwischen uns etwas läuft, aber eben auch nicht. Es ist auch wirklich absolut in Ordnung. Aber was ist aus der Passion geworden, dass wenn man jemanden wirklich gut findet, ihn das auch wirklich wissen lässt?

Schreib mir einfach, wann du willst. Ich bin dann immer abrufbereit auf der Wartebank  – klebt unauffällig und unscheinbar wie ein Sticker über unseren Herzen.

Lieber Schweigen

Wenn die Angst verletzt zu werden zu groß ist, schweigen wir lieber. Die Qual auf der Wartebank zu sitzen ist erträglicher, als eine kurze Nachricht zu versenden und zu sagen, dass wir keine Ersatzspieler sind. Wir sind Prioritäten und keine Optionen. Keiner traut sich mehr das zu sagen, was er denkt und fühlt. Dabei könnten wir so viel weiter sein, würden wir auf das vertrauen, was wir fühlen - als auf das Rücksicht zunehmen, was andere von uns denken könnten. 

Prioritäten setzen

Wir haben nicht verlernt zu lieben. Wir haben verlernt unser eigenes Glück zuzulassen und vergessen dabei aufzuhören uns an eine Illusion zu klammern. Die Illusion, dass wir einen anderen Partner brauchen um glücklich zu sein. Die Illusion, dass wir jemanden brauchen und gebaucht werden wollen. Wenn jeder aussprechen würde, was er denkt und keine Angst vor einem "Nein" hat, dann müssen wir auch nichts mehr überdenken. Dann finden wir auch denjenigen, der auch ganz ehrlich " JA" zu uns sagt.