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Radio Hamburg

Die Macht der Selbstinszenierung

Was machst Du nur mit uns, Social Media

Hamburg, 22.08.2017
Instagram, Schönheitswahn, Blogger, Rosa

Wir geben vor ein Leben zu führen, das wir eigentlich nicht ganz so führen. Doch woher kommt der Drang sich auf sozialen Plattformen wie Instagram präsentieren zu wollen?

Der harmlose Anfang

Was vor einigen Jahren als harmlose Plattform zur Kommunikation und Vernetzung mit Freunden in die Welt gerufen wurde, steht der Welt jetzt als Selbstdarstellungs-Palast zur Verfügung. Es geht schon lange nicht mehr darum nur Kontakt mit Freunden zu halten oder die unbearbeitete, ehrliche Version von Urlaubsfotos zu teilen. Den meisten ist es schon lange nicht mehr egal, was sie posten und wie viele Likes das Ganze bekommt.

Dekadenz trifft Bescheidenheit

Heute im Mittelpunkt: Die Followeranzahl, die Likes, die Shares, die perfekte Selbstinszenierung. Mal eben ein Foto hochladen? Auf gar keinen Fall. Es werden 45 Selfies vor dem Fenster geschossen, da das Licht dort besser ist. Die Fotos selbst sehen alle nahezu identisch aus. Trotzdem schafft nach langem Überlegen nur ein Bild den Cut. Natürlich, nachdem alle Filter und Weichzeichner über das Foto gerattert sind. Dann wird’s gepostet. Hat es nach einer Stunde nicht genügend Likes, droht der soziale Super-GAU. Das Bild war anscheinend doch nicht perfekt genug. Dabei habe ich zwei Kilo abgenommen und meine Zähne sind weißer als die von Cassandra. Vielleicht benutze ich das nächste Mal doch lieber Amaro und nicht Slumber. Ja, dem tristen Leben mit einem schicken Filter nochmal ordentlichen Glanz verleihen. Noch ein tiefsinniges Zitat oder eine Lebensanleitung drunter, fertig.

Promis und "Influencer" leben es vor

Dass nicht alles Gold ist, was glänzt, sollte kein Geheimnis mehr sein. Der Konkurrenzdruck wird größer, die Leute werden dünner, sportlicher, hübscher und erfolgreicher. Es langt nicht mehr in einer Masse von Menschen ein natürliches, schönes Bild hochzuladen.

In einer kreierten Luxus-Atmosphäre, die trotzdem so inszeniert wird, als würde Bescheidenheit regieren; herrschen Marken, Reisen, sexistische Posen getarnt unter feministischen Vorhängen. Es tummeln sich OOTDs, Blumensträuße und veganer Quinoa-Brei mit Kohl und Chia-Samen -  gegessen in Zimmern, ausgestattet von IKEA - auf den Timelines der Menschen. Der langweilige, sich immer wiederholende Posting-Wahnsinn. Guck, was ich für ein aufregend "normales" Leben führe, ist die dezente Botschaft hinter dem Filter.

Hobby-Stalking

Und wir gucken hin. Aus uns sind professionelle Hobby-Stalker geworden, wir wissen ganz genau, welche Marken die "Influencer" tragen und zwischen wem etwas läuft. Wir tun so als hätten wir genug gesehen und genug von dieser Oberflächlichkeit. Dabei haben wir nicht genug. Wir leben von der stupiden Eintönigkeit dieser in Superlativen denkenden Menschen und erwischen uns selbst fast dabei ein ganz spontanes Foto mit dem Starbucks-Kaffee in der Hand zu posten #ilovemylife.

Neue Form der Aufmerksamkeit: Du bist richtig, so wie Du bist.

Da nun auch bei der letzten Person noch nicht angekommen ist, „Hey, es ist nicht alle so wie es scheint“, wird unter Sixpack-Bildern tief philosophiert. Selbstbewusstseinsaufbauende Ausrufe wie: Wir haben alle Cellulite! Du brauchst kein Sixpack, aber ich habe halt eins! Wir alle sind okay! Du bist okay! Er ist okay, Sie ist okay – Kennen wir.

Die Ironie, dass das von den Menschen geäußert wird, bei denen scheinbar alles sehr okay ist, ist vorhanden. Noch eigentümlicher wird es, wenn besagte „Influencer“ sich von großen Marken einkaufen lassen. Der Volksmund versteht darunter das „Sponsoring“. Fast ganz authentisch wird die Nachricht vermittelt: Trage was Du willst, aber kaufe Dir auch gerne meine gesponserten Nikes. Denn: Marken sind nicht wichtig und ich will weiterhin gesponsert werden .

Beim Rezipienten löst das ein Gefühl der Verwirrung aus. Die eine Hälfte der Menschen unterstützt die schönen Bilder mit beglückwünschenden Kommentaren, die andere Hälfte lässt ihre Wut durch beleidigende Äußerungen freien Lauf. Sprich: Das was gepostet wird, wird nie allen gefallen. 

Kontrovers: Du bist nicht richtig, so wie Du bist.

Kontrovers ist natürlich auch, dass durch diese aufgebauschte Künstlichkeit, das Schönheitsideal fast nicht mehr zu erreichen ist. Mittlerweile geht man ungeschminkt aus dem Haus. Also, man schminkt sich „ungeschminkt“ und verhält sich dann so, als wäre man unterwegs wie Gott einen schuf. Zeigt man sich dann beispielsweise wirklich vollkommen ungeschminkt, ist eine Folge des Social-Media-Konkurrenz-Wahns, dass einen die Menschen einfach nicht schön finden – und das ist schade!

Bestes Beispiel: Em Ford. Die YouTuberin, die auf ihrem Channel verschiedene Make Up Looks postet, begann ungeschminkte Fotos von sich zu veröffentlichen. Die Reaktionen sind hämisch. Als Antwort auf hunderttausende Kommentare veröffentlicht sie ein Video, auf dem sie ungeschminkt zu sehen ist. Im Hintergrund werden die gemeinen Kommentare eingeblendet.

Würde man einem Menschen in der Realität so gegenübertreten? Ich glaube das würden sich die wenigsten trauen. Ist es dann nicht selbstverständlich, dass man bei all dem Hass versucht die bestmöglichste Version von sich zu posten?

Was ist noch richtig? Was für ein Schönheitsideal wird inszeniert?

Gerade Jugendliche werden enorm mit den Inhalten sozialer Netzwerke konfrontiert und sind somit stark gefährdet durch diese perfekt dargestellte Welt. Da sie sich selbst noch in der Selbstfindungsphase befinden, ist die Gefahr groß, dass sie diesen Schönheitsidealen nacheifern. Unter ständigem Druck wird an sich selbst gezweifelt. Die Momente werden nicht mehr genossen, in Restaurants wird nicht mehr vernünftig gegessen - sondern das Essen wird zunächst einmal aus allen Winkeln fotografiert. Das Festhalten von Momenten wird zum Event und das eigentliche Event wird dabei völlig vergessen.

Die Devise

Natürlich sollte man Seiten wie Instagram jetzt nicht extra meiden. Es ist, zugegebenermaßen, schon interessant zu sehen was andere so machen. Allerdings sollte nicht alles was man sieht auf die Goldwaage gelegt werden. Profile anderer sollten nicht idealisiert werden und man sollte das Auge für die Realität nicht verlieren. Denn: Menschen haben Augenringe und Cellulite und es bringt einen auch keinen persönlichen Mehrwert, sie durch Kommentare darauf aufmerksam zu machen.

(lsh)