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Radio Hamburg

EU-Studie

Jede dritte Frau von Gewalt betroffen

Wien, 05.03.2014
Gewalt gegen Frauen

Millionen Frauen in der EU sind Opfer von Gewalt. Viele müssen Schläge ertragen, häufig wird der eigene Partner zum Täter.

Eine der bisher größten Studien zu körperlicher und sexueller Gewalt gegen Frauen zeigt das enorme Ausmaß des Problems in der Europäischen Union.

Ein blaues Auge nach einem Streit mit dem Partner, eine zerrissene Strumpfhose nach einer Partynacht oder der immerzu aufdringliche Chef im Büro: Jede dritte Frau in der Europäischen Union ist seit ihrer Jugend Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt gewesen. Das sind etwa 62 Millionen Frauen. Fünf Prozent davon wurden vergewaltigt. Das berichtete die EU-Grundrechte-Agentur (FRA). Mehr als 40.000 Frauen wurden zuvor in den 28 Mitgliedstaaten für eine Studie befragt. Frauen in Deutschland sind demnach von Gewalt etwas häufiger betroffen (35 Prozent), als im EU-Schnitt (33 Prozent). Viele Attacken beginnen bereits in der Kindheit.

Kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gewalt

Die höchste Gewalt-Rate meldeten Frauen der Studie zufolge in den drei nordischen Ländern Dänemark (52 Prozent), Finnland (47 Prozent) und Schweden (46 Prozent). In Polen, Österreich und Kroatien gibt es mit jeweils rund 20 Prozent demnach vergleichsweise am wenigsten Gewalt. Deutschland liegt mit 35 Prozent etwas über dem EU-Schnitt (33 Prozent). Die Zahlen sollen laut Studienautoren aber nicht zu voreiligen Schlussfolgerungen führen. Angaben zu Übergriffen und die tatsächlich ausgeübte Gewalt stimmten nicht immer überein. Kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gewalt hätten einen Einfluss darauf, wie offen Frauen dieses Thema ansprechen. Bei stärkerer Gleichberechtigung der Geschlechter herrsche deutlich mehr Bewusstsein und es gebe mehr Anzeigen.

Unterschiedliche Ansichten über Belästigungen

Von Belästigungen sind Frauen sogar noch häufiger betroffen: Insgesamt gaben zwischen 83 und 102 Millionen Frauen an, bereits sexuell belästigt worden zu sein. Das sind zwischen 45 und 55 Prozent aller Frauen in der EU ab 15 Jahren. Der Zahlenunterschied ergibt sich daraus, weil es bei den Befragten unterschiedliche Ansichten gab, ob etwa Annäherungsversuche durch Männer, sexistische Witze oder ungewollte Nacktfotos per SMS bereits zu einer sexuellen Belästigung zählen.

Gewalt durch eigenen Partner

Jede fünfte Frau in der EU wurde etwa seit ihrem 15. Lebensjahr bereits gegen ihren Willen berührt, gedrückt oder geküsst - oftmals am Arbeitsplatz von Kollegen oder dem Chef. Das betrifft Frauen aller sozialer Schichten. Oft lauert die Gefahr für Frauen in den eigenen vier Wänden. 22 Prozent aller Befragten gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch den eigenen Partner erfahren zu haben. Die Bundesrepublik liegt hier genau im EU-Schnitt. Oft werden diese Übergriffe in Beziehungen zum Alltag. Dagegen vorzugehen, wagen sich nur die wenigsten: Viele Betroffenen sagten, sie würden sich zu sehr schämen oder seien
peinlich berührt und würden deshalb nicht zur Polizei gehen.

Vergewaltigung durch Fremde

Zu körperlicher Gewalt zählt die Studie etwa, wenn Frauen geschlagen, an den Haaren gezogen, geschubst oder mit harten Objekten attackiert werden. Sexuelle Gewalt bedeute Vergewaltigung oder versuchte Vergewaltigung. Vergewaltigungen durch Fremde, wobei dabei oftmals mehrere Männer beteiligt sind, würden schneller angezeigt. Sechs Prozent aller Befragten gaben außerdem an, dass es bereits zu einer versuchten Vergewaltigung kam. Gleich viele Frauen nahmen bereits an sexuellen Aktivitäten teil, weil sie Angst vor möglichen Konsequenzen hatten.

Größte Studie weltweit

"Das enorme Ausmaß des Problems verdeutlicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur einige wenige Frauen betrifft, sondern sich tagtäglich auf die gesamte Gesellschaft auswirkt", sagte FRA-Direktor Morten Kjaerum. Befragt wurden 42.000 Frauen in den 28 EU-Ländern im Alter zwischen 18 und 74 Jahren. Die Gespräche fanden 2012 persönlich statt. Vergleichbare Studien zu der Thematik gab es laut FRA in der EU bisher nicht, die Studie sei die bisher weltweit größte. (dpa)