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Radio Hamburg

Gefasster Boston-Attentäter

Dschochar Zarnajew kommuniziert mit Ermittlern

Boston, 22.04.2013
Dschochar Zarnajew, Bostonattentäter

Mit diesem Foto suchte das FBI nach Dschochar Zarnajew.

Der überlebende mutmaßliche Bombenattentäter des Boston Marathon ist nach Medienberichten aufgewacht und antwortet auf Fragen der Ermittler.

Dschochar Zarnajew antworte in seinem Krankenbett schriftlich auf Fragen der Ermittler, berichtete unter anderem die "USA Today" in ihrer Internetausgabe. Sie bezog sich auf anonyme Aussagen eines der Fahnder. Die Ermittler hoffen, dass der schwer verletzte, gefasste Terrorverdächtige von Boston den Hintergrund des Attentats beleuchten kann. Seinen - bei der Polizeijagd getöteten - Bruder hatte das FBI schon im Visier - aber nicht lange genug.

Schusswunde am Hals macht das Sprechen unmöglich

Zarnajew wird im Beth Israel Deaconess Medical Center von Boston unter anderem wegen einer schweren Schusswunde am Hals behandelt und kann nicht sprechen. Der 19-Jährige werde beatmet und stehe unter Beruhigungsmitteln. Zuvor hatte es geheißen, es könne noch Tage dauern, bis er vernehmungsfähig sei. Fahnder der Bundespolizei FBI mutmaßten, dass der 19-Jährige sich die Schusswunde am Hals selber zugefügt haben könnte, um sich vor seiner Ergreifung durch die Polizei am Freitag das Leben zu nehmen.

Zarnajew droht möglicherweise die Todesstrafe

Zarnajew soll nach Aussagen der Ermittler wahrscheinlich am Montag (22.04.) von einem Bundesrichter angeklagt werden. Da er sich in einem derart kritischen Zustand befinde, werde der Richter oder ein Vertreter ihn an seinem Krankenbett über die Anklagepunkte informieren. Der Verdächtige muss mit der Todesstrafe rechnen. Massachusetts hat sie zwar abgeschafft, die USA als Staat aber nicht. Der TV-Sender CNN zitierte einen Beamten aus dem Justizministerium mit den Worten, Zarnajew müsse sich wohl nach Bundesrecht wegen Terrorismus verantworten und nach Landesrecht wegen Mordes.

Hat Zarnajew Recht auf einen Anwalt?

Streitpunkt war auch, ob Zarnajew bei seiner ersten Anhörung ein Recht zu schweigen oder auf einen Anwalt hatte. Das Justizministerium hatte vorläufig entschieden, ihn ohne diese sogenannten "Miranda-Rechte" zu vernehmen. Eine Ausnahmeregelung macht dies möglich, wenn unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung besteht und der Festgenommene als "feindlicher Kämpfer" identifiziert ist.

Brüder planten womöglich weitere Anstrengungen

Die mutmaßlichen Bombenattentäter des Boston Marathons planten nach Auffassung der Ermittler womöglich noch weitere Anschläge. Wie der Bostoner Polizeichef Ed Davis am Sonntag dem TV-Sender CBS sagte, hätten die Beamten im Rahmen ihrer Verfolgung der beiden Brüder Tamerlan und Dschochar Zarnajew ein ganzes Arsenal hausgemachter Bomben und Materialien sichergestellt. "Wir haben auf Basis der gefundenen Beweise allen Grund zu der Annahme (...), dass sie noch weitere Menschen attackiert hätten", so Davis. 

Tamerlan Zarnajew bereits 2011 vom FBI als "radikaler Islamist" eingestuft

Die Ermittler rätseln, ob Zarnajew und sein getöteter Komplize und Bruder Tamerlan (26) Drahtzieher im Rücken hatten. Das FBI hatte Tamerlan 2011 als "radikalen Islamisten" im Visier. Wie das FBI nach der Festnahme mitteilte, hatte die Bundespolizei ihn auf Wunsch einer ausländischen Regierung überprüft. Laut US-Medien bestätigte die Behörde inzwischen, dass es sich dabei um Russland gehandelt habe. Das Ersuchen habe sich auf Informationen gestützt, wonach Tamerlan dem radikalen Islam anhänge und sich von 2010 an drastisch verändert habe. Zuletzt habe er Vorbereitungen getroffen, die USA zu verlassen, um sich Untergrundgruppen in Russland anzuschließen, hieß es. FBI-Agenten verhörten damals ihn und Familienangehörige.

Ermittlungen wurden 2012 nicht weiter verfolgt

Die Bundespolizei nahm ihre Untersuchungen allerdings nicht wieder auf, als Zarnajew im Sommer 2012 von einer sechsmonatigen Reise nach Dagestan und Tschetschenien in die USA zurückkehrte, wie Mitarbeiter einräumten. Nach Recherchen des investigativen Reporternetzwerks "Pro Publica" und der "New York Times" hatte sich Zarnajew nach seiner Rückkehr sichtbar radikalisiert. Auf der Internetplattform Youtube stellte er islamistische Videos ein. Wie CNN am Sonntag meldete, war darunter auch das Video eines tschetschenischen Dschihadisten. Unklar sei, ob es einen Kontakt zwischen beiden Männern gab.

Schweigeminute in Massachusetts

Genau eine Woche nach dem Anschlag waren die Bewohner des US-Staates Massachusetts am Montag (22.04.) aufgerufen, der Opfer zu gedenken. Bostons Bürgermeister Thomas Menino und Gouverneur Deval Patrick riefen zu einer Schweigeminute um 20.50 Uhr (MESZ), dem Zeitpunkt der Explosionen, auf. Anschließend sollen in ganz Massachusetts die Kirchenglocken läuten.

 

(dpa/mgä)