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Radio Hamburg

Germanwings-Absturz

Copilot galt vor Jahren als suizidgefährdet

Düsseldorf/ Paris, 31.03.2015
RHH - Expired Image

Am Flughafen Köln/Bonn kann man sich in ein Kondolenzbuch eintragen.

Der Copilot der Unglücksmaschine war Jahre vor dem Absturz als suizidgefährdet eingestuft. In jüngster Zeit habe das aber nicht mehr gegolten.

Über eine psychische Erkrankung des Germanwings-Copiloten gab es viele Spekulationen. Nun geben die Ermittler bekannt: Mediziner hielten ihn vor Jahren für suizidgefährdet. Hat das Konsequenzen für die ärztliche Schweigepflicht?

Der Copilot der Germanwings-Maschine war Jahre vor dem Absturz als suizidgefährdet eingestuft und in psychotherapeutischer Behandlung. In jüngster Zeit sei ihm aber weder Selbst- noch Fremdgefährdung attestiert worden, teilte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft am Montag (30.03.) mit. Es habe jedoch bis zuletzt "weitere Arztbesuche mit Krankschreibungen" gegeben. Der 27-Jährige, der seit 2013 als Copilot für Germanwings flog, steht im Verdacht, den Airbus mit 150 Menschen an Bord mit voller Absicht in die Katastrophe gesteuert zu haben. Nach Experteneinschätzung kann die Identifizierung der Opfer noch bis zu vier Monate dauern.

Behandlung vor Pilotenschein

Die Behandlung des Copiloten sei erfolgt, bevor er den Pilotenschein erworben habe, hieß es weiter. Der Lufthansa-Konzern, zu dem Germanwings gehört, hatte bereits öffentlich gemacht, dass es in der Pilotenausbildung des Mannes vor sechs Jahren eine mehrmonatige Unterbrechung gab, aber nichts zu den Gründen gesagt. Bei dem 27-Jährigen daheim hatten Ermittler zerrissene Krankschreibungen gefunden, auch für den Tag des Unglücks. Hinweise auf ein organisches Leiden gibt es in den ärztlichen Dokumentationen laut Staatsanwaltschaft bislang nicht.

Belegbare Hinweise für eine Ankündigung der Tat oder ein Bekenntnis fehlten nach wie vor. Zu den neuesten Erkenntnissen der Ermittler äußerte sich die Lufthansa am Montag inhaltlich nicht. Die ärztliche Schweigepflicht gelte auch gegenüber dem Arbeitgeber, erklärte eine Sprecherin des Konzerns.

In der Düsseldorfer Sonderkommission "Alpen" beschäftigen sich aktuell etwa 100 Ermittler mit dem Absturz der Airbus-Maschine, die am vergangenen Dienstag auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen an einer Felswand zerschellte. Wie aus den Aufzeichnungen des Stimmenrekorders hervorgeht, war der Pilot zu diesem Zeitpunkt aus dem Cockpit ausgesperrt. Die französischen Ermittler konzentrieren sich deshalb auf den 27-jährigen Andreas L., untersuchen aber weiterhin auch die Möglichkeit eines technischen Defekts.

"Diagnostische Abklärungen"

Die Ermittler haben seit Montag auch Zugriff auf Krankenhaus-Akten über den Copiloten, wie eine Sprecherin des Uniklinikums Düsseldorf sagte. Der Copilot, der aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur stammte, war vor einigen Wochen als Patient an die Klinik gekommen. Dabei ging es den Angaben zufolge um "diagnostische Abklärungen", die aber bislang offiziell nicht näher erläutert wurden. Für Berichte, wonach der Mann auch an Sehstörungen gelitten haben soll, war bislang keine Bestätigung zu erhalten.

 

Diskussion über ärztliche Schweigepflicht

Vor dem Hintergrund der Katastrophe gewinnt die Diskussion über die ärztliche Schweigepflicht an Fahrt. Der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer forderte eine Lockerung der Schweigepflicht für sensible Berufe: "Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Diese Ärzte müssen gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein", sagte Fischer der "Rheinischen Post". SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach betonte in der "Bild"-Zeitung, wenn Leib und Leben anderer Menschen gefährdet seien, sei "der Arzt verpflichtet, den Arbeitgeber über die Arbeitsunfähigkeit des Mitarbeiters zu informieren". Dies gelte "ganz besonders im Fall psychischer Erkrankungen und einer möglichen Selbstmordgefahr".

Dagegen warnte der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, vor "vorschnellen politischen und rechtlichen Entscheidungen". Die ärztliche Schweigepflicht sei "ebenso wie das verfassungsrechtlich geschützte Patientengeheimnis ein hohes Gut und für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland ein Menschenrecht".

Bergungsarbeiten gehen weiter

Am Absturzort geht die Suche nach weiteren Opfern und nach dem Flugdatenschreiber weiter. Die Fluggesellschaft Germanwings will ihr Betreuungszentrum für Angehörige der Opfer so lange wie nötig offen halten. Das sagte Germanwings-Geschäftsführer Oliver Wagner am Montag nach Angaben eines Lufthansa-Sprechers in Marseille. In einem Hotel der Mittelmeer-Metropole kümmern sich seit Samstag 90 Mitarbeiter um die Angehörigen, die zur Absturzstelle reisen wollen.

Trauermarsch in Haltern

Im westfälischen Haltern soll am Karsamstag (4. April) mit einem Trauermarsch der Opfer gedacht werden. Eine Privatperson habe die Veranstaltung mit vorerst geschätzten 2.000 bis 2.500 Teilnehmern angemeldet, sagte eine Polizeisprecherin in Recklinghausen am Montag.

Bei dem Absturz waren am vergangenen Dienstag 16 Schüler und 2 Lehrerinnen des Halterner Gymnasiums ums Leben gekommen. Der Copilot soll den Airbus A320 auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf absichtlich in einen Sinkflug versetzt haben, als der Kapitän das Cockpit kurz verließ. Die französische Staatsanwaltschaft schloss aus den Aufzeichnungen des Sprachrekorders, dass der 27-Jährige den Piloten aus dem Cockpit aussperrte. Französische Ermittler untersuchen allerdings weiterhin auch die Möglichkeit eines technischen Defekts der Maschine.

(dpa/mgä)

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