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Radio Hamburg

Eurokrise

Die wichtigsten Fragen

Hamburg, 07.06.2012
RHH - Expired Image

Alle reden von der Eurokrise - aber was ist da eigentlich wirklich los? Ein Versuch der Aufklärung.

Eurobonds, Fiskalpakt, Bad Bank - wer sich derzeit ernsthaft mit der Eurokrise beschäftigen will, der muss eigentlich erst mal Vokabeln lernen. Diese komplexen Finanzgeflechte zu durchschauen, das ist zu anstrengend für Otto Normaleurobürger - dabei geht die Krise um unsere Währung uns alle an. Damit mehr Menschen besser verstehen, was momentan vor sich geht, wie es um den Euro und unsere Wirtschaft steht und ob und inwieweit wir Angst vor der Zukunft haben müssen, haben wir den Wirtschafts-Experten Professor Doktor Karl-Werner Hansmann von der Universität Hamburg zur Eurokrise befragt. Er hilft bei der Klärung - fast ohne Vokabeltest...

Alle reden von der Eurokrise, keiner versteht sie so richtig - was ist da überhaupt los?
Prof. Dr. Karl-Werner Hansmann: "Die Eurokrise ist entstanden, weil die Länder der Europäischen Union hohe Staatsschulden haben und einige südeuropäische Länder wegen ihrer schwachen Wirtschaftskraft die Schulden ohne Hilfe nicht zurückzahlen können und dadurch den Euro gefährden."

Wer oder was ist denn schuld an der Situation?
"Die Staaten mussten viele Schulden machen, um ihre Banken zu retten, die durch Spekulationen mit Wertpapieren viel Geld verloren hatten."

Was hat Griechenland falsch gemacht bzw. falscher als andere?
"Griechenland hatte schon vor der Bankenkrise zu hohe Schulden, so dass das Land besonders hart getroffen wurde und für seine Kredite sehr hohe Zinsen zahlen musste."

Wieso zahlt eigentlich Deutschland so viel und wofür genau?
"Für Griechenland, Portugal und Irland wurde ein gemeinsamer europäischer Rettungsschirm eingerichtet, der ihnen Kredite gibt. Die anderen Länder müssen dafür haften. Sie zahlen aber noch nichts, sondern erst, wenn die Kredite nicht zurückgezahlt werden."

Wie viel zahlen im Vergleich die anderen Eurostaaten?
"Deutschland als stärkste Wirtschaft der Eurozone haftet für 27% dieser Kredite, die anderen Länder für den Rest, Frankreich z.B. für 20%."

Wo liegen die Konflikte zwischen den einzelnen Euroländern - wer hat welche Position?
"Deutschland beharrt auf einem strikten Sparkurs für alle Länder, um die Schulden abzubauen. Dazu soll auch eine Schuldenbremse in die Verfassungen geschrieben werden. Andere Länder, besonders Italien, Spanien und Frankreich wollen ihre Wirtschaft ankurbeln und nicht so stark sparen."

So viel Wirbel um die Währung, da kann man vom Euro schon mal genervt sein. Wer hat denn eigentlich bisher von der Einführung des Euro profitiert und wie?
"Alle Länder mit dem Euro als Währung haben davon profitiert, besonders aber Deutschland mit seinem hohen Exportanteil von 40%, der in die Euroländer fließt. In der Eurozone braucht man keine Währungen mehr umzutauschen und spart daher hohe Kosten."

Was ist der Rettungsschirm und warum funktioniert er offenbar nicht?
"Der Rettungsschirm ist ein Kreditvolumen von etwa 800 Milliarden Euro, das den notleidenden Euroländern zur Verfügung steht. Er funktioniert noch, weil bisher nur Griechenland, Portugal und Irland Kredite bekommen haben. Wenn große Länder, wie Spanien und Italien Kredite benötigen würden, um ihre Schulden zu bezahlen, könnte der Rettungsschirm für alle zu klein sein, weil die 800 Milliarden Euro nicht ausreichen würden."

Wie kann es sein, dass 22 Milliarden für ein Land nicht reichen, in dem knapp 11 Mio. Leute leben - weniger als in NRW (17,8 Mio.)?
"Weil Griechenland in den letzten Jahren viel mehr Schulden aufgehäuft hat als NRW und viele Griechen zu wenig oder gar keine Steuern bezahlen."

Kriegen wir das Geld jemals zurück und wenn ja, wie?
"Wir haben noch kein Geld selbst gezahlt sondern haften nur für die Kredite, die private Geldgeber an Griechenland gezahlt haben. Sollte Griechenland bankrottgehen, müssten wir 27% dieser Schulden bezahlen. Das Geld wäre verloren."

Was passiert nun mit den Griechen?
"Wenn am 17. Juni keine Regierung die Mehrheit erhält, die das Sparprogramm durchsetzt, wird der Rettungsschirm nicht mehr für Griechenland zur Verfügung stehen. Dann ist Griechenland bankrott und wird den Euro aufgeben."

Kann Deutschland sowas auch passieren?
"Deutschland ist das wirtschaftsstärkste Land in Europa und würde nur in diese Situation kommen, wenn die gesamte Weltwirtschaft einbräche. Das ist sehr unwahrscheinlich."

Wie genau könnte ein möglicher Austritt Griechenlands aus dem Euro ablaufen? Kommt dann die Drachme zurück und wie würde das funktionieren?
"Griechenland hätte die Drachme wieder, die aber gegenüber dem Euro um mindestens 50% abwerten würde. Das Land könnte dann mehr Güter und Dienstleistungen (Tourismus!) verkaufen, weil alles um 50% billiger würde. Nachteilig ist, dass die Schulden in Euro bestehen bleiben und damit in Drachmen doppelt so hoch wären. Ein Konkurs wäre wohl nicht abzuwenden."

Wenn Griechenland die Währungsunion wirklich verlässt - was bedeutet das für die anderen Länder?
" Sie müssten große Verluste hinnehmen, wenn Griechenland seine Schulden nicht zurückzahlen würde. Für Deutschland wären das etwa 80 Milliarden Euro, allerdings über 10 Jahre verteilt."

Was sind Eurobonds?
"Das sind gemeinsame Staatsanleihen der Währungsunion, für die alle Mitgliedsländer gemeinsam haften."

Was ist eine Bad Bank?
"Eine Einrichtung, die faule Wertpapiere einer richtigen Bank übernimmt und versucht, diese unter möglichst geringem Verlust weiter zu veräußern."

Was macht Rating Agenturen eigentlich so mächtig?
"Rating Agenturen bewerten die Bonität von Unternehmen und Staaten, die Kredite suchen. Je schlechter ihre Bewertung ist, um so höhere Zinsen müssen die Schuldner zahlen. Das macht sie so mächtig, zumal es weltweit nur drei große Rating Agenturen gibt, die sich das Geschäft aufteilen."

Was versteht man unter Schuldenbremse oder EU-Fiskalpakt?
"Der von 25 Ländern der EU unterschriebene Fiskalpakt legt fest, dass die Länder einen ausgeglichenen Haushalt haben müssen. Dies soll in die Verfassungen geschrieben werden und wird im Volksmund als Schuldenbremse bezeichnet."

Was ist, kann und will der Schuldenschnitt?
"Bei einem Schuldenschnitt erlassen die Gläubiger einem Land Teile seiner Schulden, um ihm wirtschaftlich auf die Beine zu helfen. Bei Griechenland haben die privaten Gläubiger offiziell auf 50%, effektiv sogar auf 70% ihrer Ansprüche verzichtet."

Wo steuert die Krise hin?
"Das ist schwer zu prognostizieren. Wenn die Rettungs- und Sparprogramme von der Bevölkerung mitgetragen werden und der Fiskalpakt umgesetzt wird, dürfte die Eurozone und damit auch der Euro gerettet sein. Im anderen Fall kann die Währungsunion zerbrechen und die nationalen Währungen (z.B. D-Mark) werden wieder eingeführt. Europa würde einen schweren politischen und gesellschaftlichen Rückschlag verkraften müssen."

In Spanien ist fast die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos - Europarekord. Droht unserer Jugend ein ähnliches Schicksal?
"Nein, wir haben keine Immobilienkrise und sind wettbewerbsfähiger als Spanien. Darüber hinaus funktioniert bei uns der Arbeitsmarkt besser und wir haben für Jugendliche das sog. duale Ausbildungssystem, das neben der schulischen Ausbildung auch die berufliche Ausbildung umfasst."

Wie könnte man die Eurokrise jetzt wirklich noch eindämmen? Geht das überhaupt?
"Wir müssen den Fiskalpakt in Kraft setzen und daneben mehr Wachstum in Europa schaffen. Auf dieser Grundlage könnte man Eurobonds einführen und damit die Währungsunion vor Angriffen der Spekulanten schützen. Mit diesen drei Instrumenten könnte man die Eurokrise überwinden."

Worauf müssen wir uns künftig einstellen, müssen wir Angst vor der Zukunft haben - warum/ warum nicht?
"Wir sollten keine Angst haben sondern zielstrebig die oben genannten Maßnahmen ergreifen. Dann sind die Chancen, die Eurozone, den Euro und damit auch unseren Wohlstand zu erhalten, größer als die Risiken."

(jwa)