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Radio Hamburg

Schlepper, Flüchtlinge, Tragödien

Warum fährt man freiwillig in den Tod?

Hamburg, 03.09.2015
RHH - Expired Image

Flüchtlinge erreichen die türkische Küste.

Rainer Hirsch aus der Nachrichten-Redaktion mit Gedanken zur Flüchtlingstragödie in Deutschland und der Welt.

Die Wanderung der hunderttausenden Flüchtlinge gen Westen ist momentan das bestimmende Thema in unseren Nachrichten. Für uns in der Nachrichtenredaktion sind die Berichte über Vertreibung und beschwerliche und oft lebensgefährliche Wege aus Arabien und Afrika – über Land oder Mittelmeer – Normalfall. Wir in der Nachrichtenredaktion kriegen davon deutlich mehr mit als das, was wir Euch on air erzählen können. Und doch erschüttert auch uns immer mal wieder ein Detail: so die Rettung der  24 Afghanen aus einem Kleinlaster in Österreich, dessen Türen verschweißt gewesen sind. Da kam keine frische Luft rein, es bestand akute Lebensgefahr, sagt die Wiener Polizei. Vergangene Woche sind ja 71 Flüchtlinge in einem in Österreich gefundenen LKW erstickt.

Wer kommt auf solche Ideen? Verdient man als Schlepper so gut, dass es einigen Menschen gar nicht mehr schwer fällt, einfach Hirn und Herz abzugeben und Menschen gen Tod zu fahren?

Im Fernsehen an der Redaktionswand laufen gerade Bilder vom Budapester Bahnhof, wo seit Tagen Flüchtlinge campieren. Irgendwie muss ich plötzlich an Interrail denken – über zwanzig Jahre ist das her. Da sind wir als Jugendliche im Sommer immer mit ´nem Vier-Wochen-Ticket per Zug durch Europa. 400 Mark hat das gekostet. Da haben wir auch oft in Bahnhöfen geschlafen, auf unbequemen Hartplastik-Sitzgruppen oder auf dem Fliesenboden, um die Übernachtungskosten zu sparen. Tagelang ohne Dusche. EC- oder Kreditkarten hatten wir damals nicht, das Handy war noch nicht erfunden. Wenn das mitgenommene Geld verbraucht war, blieb nur eines: früher nach Hause.

Die Flüchtlinge, die sich heutzutage zu uns auf den Weg machen, können nicht mal eben früher nach Hause. Möglicherweise können sie da nie wieder hin. Sie nehmen ihren Mut zusammen, viel mehr ist den meisten von ihnen gar nicht geblieben, und machen sich auf einen unbekannten Weg. Nur das Ziel ist ihnen klar: Germany, weil hier alles besser sein soll.

Ist es ja auch. Verglichen mit den Herkunftsländern der Flüchtlinge leben wir im Paradies. Auch, wer hier nur ein geringes Einkommen hat, wem die so genannte soziale Teilhabe schwer fällt, hat einen entscheidenden Vorteil: er muss nicht um sein Leben fürchten. Das tun schon Kinder in Syrien  - und auch Erwachsene in Eritrea, dem Gulag Afrikas. Junge Mütter wagen sich mit ihren Babys im Arm auf Schlepperboote der Marke Seelenverkäufer und hoffen, das in vieler Hinsicht rettende Ufer zu erreichen, Jugendliche kämpfen sich allein auf dem Landweg hierher.

Wir fanden unsere Interrail-Trips durch Europa damals cool. Aber auch das nach Hause kommen war geil: endlich wieder alle Bequemlichkeit, eine tolle Dusche und frische Klamotten. Heute würde ich so nicht mehr reisen wollen und selbst viele Jüngere sind längst an Pauschalreisen gewöhnt. Mit all-in.

Ich kann die Odyssee der Flüchtlinge nur ansatzweise erahnen, ihre im Heimatland erlittenen körperlichen und/oder seelischen Qualen kann ich nicht nachempfinden. Ich stelle es mir grausam vor. Ich habe mal bei einem Besuch auf Sri Lanka in einem Minenfeld gestanden und weiß, wie unangenehm es sich anfühlt, nicht zu wissen, wohin man treten darf. Wenn jeder falsche Tritt das Ende bedeuten kann. Für die Menschen in Afghanistan und Syrien sind Anschläge, Bombenabwürfe, Kugelhagel und körperliche Gewalt Alltag. Für viele in Afrika auch.

Im Grunde genommen müssten wir mit Empfangskomitees dastehen, wenn Sie ankommen. Ihnen zuwinken, sie mit offenen Armen aufnehmen und zurufen „Schön, dass Ihr es geschafft hat. Hier seid Ihr sicher“. Wir haben doch weder Hirn noch Herz abgegeben. Zumindest die meisten von uns nicht

Am Mittwoch (02.09.) sind drei Astronauten zur Internationalen Raumstation gestartet. Auch wir suchen nach einer besseren Zukunft. Auf dass wir alle sie erleben: #refugeeswelcome.

Rainer Hirsch aus unserer Nachrichten-Redaktion schreibt zur Flüchtlingstragödie in der Welt und in Deutschland

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