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Radio Hamburg

Atomenergie: Fragen & Antworten

Vattenfall-Boss im Studio

Pieter Wasmuth, Vattenfall, Chef

Pieter Wasmuth von Vattenfall im Interview.

Vattenfall-Boss Pieter Wasmuth beantwortet bei uns Ihre Fragen zum Thema Atomkraft und AKW.

Hamburg - Rainer Hirsch (Radio Hamburg) und Marco Heinsohn (Oldie 95) interviewen Pieter Wasmuth, Vattenfall-Norddeutschland-Chef, und stellen ihm IHRE Fragen, die Sie uns vorher gemailt haben oder bei Facebook gepostet haben. Wir haben hier wichtige Auszüge des Interviews für Sie zusammengefasst, damit Sie auch, falls Sie das Interview verpasst haben, die wichtigsten Passagen nachlesen können.

Sind die Ereignisse in Fukushima ein Fiasko für die Betreiberfirma Tepco?

"Das können wir gar nicht bewerten. Wir kennen diese Anlage nicht. Man muss sich Infos bei der Internationalen Atomaufsichtsbehörde holen."

Hat Tepco seine Arbeit nicht richtig gemacht?

"So kann man das nicht formulieren - die Anlagen sind individuell. Wir wissen nicht, wo zum Beispiel das Kühlwasser herkommt. Da kann man keine pauschalen Aussagen machen."

Sie sind noch nicht lange bei Vattenfall (seit 2010), waren vorher bei REpower (eher Öko-Unternehmen). Warum der Wechsel?

"Ich war gern bei REpower, um neue Ideen umzusetzen z.B. Offshore-Anlage. Das ist ein wichtiger Beitrag für den Weg der Veränderung. Vattenfall braucht das auch, wir nutzen auch neue Energien. Viele Aspekte müssen da aber noch geklärt werden."

Warum haben sie die Seiten dann gewechselt?

"Das ist die falsche Frage! Man darf nicht in Lagern denken, sondern muss verschiedene Kompetenzen zusammenbringen. Es muss Menschen geben aus etablierten Sektoren und erneuerbaren."

Sind Vattenfall die Bösen?

"Vattenfall sind nicht die Bösen. Die HEW sind seit über 100 Jahren in Hamburg und sind für die Energieversorgung der Stadt gegründet worden. Wir sind Teil einer Lösung und nicht Teil eines Problems."

Bei den Interview-Absagen hatten wir das Gefühl, dass sie "Keine Lust zu reden" hatten. Warum hatten sie so lange für eine Zusage gebraucht.

"Keine Lust zu reden ist nicht richtig. Wir sprechen permanent. Das Besondere ist, dass es ein Moratorium der Politik gegeben hat und die hat gesagt, dass wir nachdenken müssen. Da müssen wir auch erst mal abwarten. Es ist schwierig zu kommentieren, wenn die Rahmenbedingungen nicht klar sind."

Was halten sie vom Moratorium?

"Das sind unterschiedliche Sichtweisen. Das Moratorium ist erst mal logisch, aber wie es formuliert wurde ist es auch ein Novum in der Politik. Deshalb müssen sich alle erst mal damit beschäftigen, wie verhält man sich richtig."

Will Vattenfall auch klagen? (E.ON hat gegen die Schließung von Biblis A geklagt)

"Nein, das habe ich damit nicht gesagt. Wir müssen gemeinsam die Frage für Deutschland lösen - ein gemeinsamer Konsens ist wichtig."

Wie sieht es mit der Sicherheit der Meiler aus?

"Wir wissen alle noch nicht, was in Japan wirklich passiert ist. Das ist ja nicht aus dem luftleeren Raum entstanden. Die Diskussion bei der Sicherheit der Kernenergie ist ja immer: kann das Unwahrscheinliche eintreten? Das ist in Deutschland schon immer gute Tradition gewesen aus solchen Ereignissen Empfehlungen für Deutschland zu ziehen. Die Dübel-Thematik aus Brunsbüttel wird zum Beispiel auch nachgerüstet, weil wir in Biblis A Untersuchungen gemacht haben und neue Erfahrungen entstanden sind."

Wie erklären sie ihren drei Kindern (12,11 und 9 Jahre alt) die Bilder aus Japan?

"Die kommen nicht nur mit dem Thema der AKW, sondern auch mit Tsunami und Erdbeben. Es sind Bilder die bewegen und die Kinder auch zum Fragen bringen. Über das Medienangebot gibt es auch so viele Informationen. Ja, die kommen und fragen: Kann es uns auch passieren? Aber die kommen auch und sagen: Gut, dass Du da hingegangen bist und was Neues aufbauen willst."

Wie sehen Sie die Zukunft der Kernenergie?

"Das Moratorium ist eine politische Vollbremsung und wir wollen auch Informationen liefern. Die Diskussion hat ja auch schon vor Japan begonnen."

Warum waren Sie als Lobbyorganisation für die Verlängerung der Laufzeiten?

"Wir haben das nicht als Lobby getan. Die CDU hat das gesagt: Wenn wir dran sind, drehen wir das um. Die Äußerung 2001 ist legitim gewesen, so wie jetzt Rot-Grün wieder sagt: Wir drehen das wieder um. So kann man nicht planen und arbeiten, wenn alle drei/vier Jahre sich die Richtung ändert. Es ist nicht richtig zu sagen, dass die vier Stromkonzerne Druck gemacht haben."

Warum haben sie das Angebot Merkels, die Laufzeit-Verlängerung einzuführen, nicht abgelehnt?

"Ich weiß nicht, ob es unsere Aufgabe ist, der Politik zu sagen, was sie zu machen hat und was nicht. Uns ist wichtig, dass wir Verlässlichkeit haben. Das gleiche ist hier in Moorburg passiert, dann hat es neue Wahlen gegeben, dann gibt es ein neues Szenario - damit können sie nicht arbeiten. Ein Kraftwerk braucht 40 Jahre bis es sich amortisiert."

Wie sicher sind die AKW rund um Hamburg?

"Kraftwerke sind jeweils nach ihren Standorten und dem jeweils geltenden Recht ausgelegt. Es gibt ein Atomgesetz, in dem alles genau festgelegt wird. Wen sich zeigt, man kann z.B. was gegen Erdbebensicherheit tun, dann wird das flächendeckend in allen AKW gemacht, um die Anlagen auf Stand zu bringen. Deshalb sind Krümmel und Brunsbüttel nicht am Netz, weil nachgerüstet werden muss. Brunsbüttel hat so eine räumliche Trennung, dass es getrennt runtergefahren werden kann. Die Kontrollstation also nicht direkt im AKW ist. Schief gegangen in Krümmel und Brunsbüttel ist da nichts. Sie werden nur aufgerüstet. Es ist die Sache der Länder, die überprüfen und Betriebserlaubnis geben."

Warum ist es so attraktiv, über so lange Zeit ein AKW ruhen zu lassen und nachzurüsten (Krümmel seit 4 Jahren). Warum sagt man nicht, wir legen still und investieren in Zukunftsenergien?

"Das machen wir schon, wir wollen Offshore-Parks bauen, investieren in Biomasse und Wasserkraft. Bei Brunsbüttel und Krümmel ist es so, dass betriebswirtschaftlich dieses Nachrüsten sinnvoll ist und insofern ist es legitim, dass man es betreibt. Das hat mit der aktuellen Diskussion nichts zu tun."

Wie sieht's aus mit Sicherheit?

"Hochwasser: Alle elektrischen Anlagen haben Hochwasserschutz. Ist eine Spezifikation aus Sturmflut in Hamburg. In Brunsbüttel Deiche erhöht und es gibt Notstromversorgung, die wasserdicht verbaut ist und die Kraftwerke sind auch über Erdkabel verbunden."

Aber in Fukushima gab es das auch. Damit sind doch alle Argumente null und nichtig, oder?

"Nein, ich weiß nicht, ob es das alles in Fukushima gegeben hat. Es wird hier immer wieder sehr genau betrachtet, neue Erkenntnisse eingebracht. Es ist eben nicht so, dass Brunsbüttel 30 Jahre alt ist und nie etwas gemacht wurde."

AKW machen krank - Wie stehen sie dazu?

"Wir wissen, dass es weltweit Klasterungen von Krankheiten gibt - geographische Anhäufung von Leukämiefällen. Wir wissen nicht, woran das liegt, weil es nicht direkt einem AKW zuzuordnen ist. Es gibt da keinen ursächlichen Zusammenhang. Das ist Stand des Wissens. Es gibt keinen Beweis für die eine oder andere Theorie."

90 Prozent der Hamburger wollen, nach unserer repräsentativen Umfrage, dass Brunsbüttel und Krümmel nicht mehr ans Netz gehen.

„Die Frage, ob wir sie betreiben wollen oder nicht ist keine nach Gefühl und Wellenschlag. Dafür gibt es ein betriebswirtschaftliches Rational. Die Frage, ob sie wieder ans Netz gehen entscheiden wir nicht allein, das ist Thema der genehmigenden Aufsichtsbehörden. Wir können nicht beurteilen, ob es in Brunsbüttel und Krümmel dazu kommt, weil wir den politischen Prozess abwarten müssen. Wir müssen in Deutschland auch die Frage beantworten, wie wir die Stromversorgung unseres Landes sicherstellen. (...) Dazu brauchen wir einen breiten Konsens. (...) Das muss alles gemeinsam diskutiert werden, dann kann man der Kernenergie  auch ihre Rolle zuweisen.“

Sie könnten ja selbst entscheiden, keinen neuen Antrag auf Wiederaufnahme der AKW zu stellen.

"Uns gehören die AKW ja nicht allein, es ist ja nicht 100 Prozent unser Eigentum (Vattenfall und E.ON)."

Kritiker werfen ihnen dieses rationale Betriebswirtschaftliche vor. Was sagen sie dazu?

"Wieviel man wirklich verdient, hängt von der Strombörse in Leipzig ab. Das ist sehr unterschiedlich. Es sind natürlich schon Größenordnungen. Das sind Überlegungen als Unternehmen, dass man das, was man investiert hat, wieder heraus bekommt."

Lücke klafft zur Verantwortung. Bei GAU kann das Ganze 5-6 Billionen Euro kosten. AKW sind mit 2 -5 Milliarden versichert. Wird der Schaden sozialisiert und damit auf den Bürger übertragen?

"Das ist so nicht richtig. Richtig ist, dass die Unternehmen mit ihrem ganzen Vermögen haften und es gibt einen Solidaritäts-Pool der AKW Betreiber für solch ein Szenario. So was kann zu einer volkswirtschaftlichen Aufgabe werden, aber wir wollen ja den GAU verhindern, dass es dazu nie kommt. Ein großer Teil unseres Wohlstandes beruht auf dieser Basis."

Wie soll Energiegewinnung zukünftig aussehen?

"Abwägen der einzelnen Elemente. Zukunft, die sich zu großem Teil aus erneuerbaren Energien speist - hauptsächlich Wasserenergie. Der Witz ist, wir müssen uns auf einen Weg verständigen und darin wird die Kernenergie irgendwie einen Platz haben. Das wird ja auch als Brückentechnologie gesehen."

Wenn Endes des Jahres alle beteiligten Parteien sich einig sind, dass sie raus wollen aus der Atomkraft, wann wäre es dann möglich?

„Das ist eine Frage, was es kostet, was es kosten darf. Wenn man nach einem Mittelweg sucht, das ist sehr schwierig zu sagen, aber ich würde sagen, zehn Jahre würde ich vielleicht für ambitioniert halten, zwanzig Jahre ist wahrscheinlich lang. Das ist meine persönliche Einschätzung. Einfach ein AKW in den Müll schmeißen geht nicht, denn es gibt noch kein Konzept, was mit der Endlagerung passiert. Wir sind uns aber einig, dass das keine Technologie mit einer ewigen Zukunft ist. Wichtig ist, dass wir einen tragfähigen Konsens haben, da spielt ja auch die Arbeitssicherheit eine Rolle. Wir müssen auch unsere Konzepte überdenken, aber das tun wir auch, sonst wäre ich nicht bei Vattenfall."

Sorge vor Arbeitsplatzverlust bei Vattenfall und Co. in den AKW. Ist das berechtigt? Kann man Menschen umschulen?

"Man kann nicht einfach den Schalter umlegen. Stade z.B. ist 2003 still gelegt worden, da wird jetzt rückgebaut. Energie ist das absolute Zukunftsthema, egal wo jemand herkommt, der hat sehr gute Zukunftsperspektiven."

Haben sie nicht viel zu lange gebraucht, um erneuerbare Energien zu erforschen?

"Man muss erst sehr klein anfangen, z.B. damals in der Windenergie und da gibt es immer noch Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Die Dinge brauchen ihre Zeit und wir müssen in Bildung und Forschung investieren."

Atomaustieg 2015?

"Das weiß ich nicht, das Wichtige ist, dass wir uns ein Ziel setzen, aber wir müssen die Emotion auch mal zur Seite legen. Ich wüsste nicht, wie wir da schon abschalten sollten ohne Strom aus Europa zu importieren. Auch jetzt aktuell wird Strom aus Frankreich und Tschechien importiert."

Wenn wir nicht bereit sind zu importieren, müssen wir mit der Kerze leben?

"Ja, das könnte auch ein Szenario sein. Das man einige Stunde vielleicht keinen Strom hat oder Strom nicht für alle da ist. Aber das ist schwierig."

Was antworten sie auf die Angst der Menschen vor AKW und Atomkraft?

"Das kann ich verstehen, das geht mir auch nicht anders. Daher bin ich da hingegangen (zu Vattenfall, Anm. d. Red.), um das zu ändern. Es gibt keine 100-prozentige Garantie. Ich habe nicht das Gefühl, dass hier bei uns nicht sorgfältig gearbeitet wird - ganz im Gegenteil. Die Angst kann man nicht abschließend nehmen. Wir müssen nach Japan nicht besorgter sein als wir vorher gewesen sind."

Würden Sie neben einem AKW wohnen?

"Ja, weil ich das nicht unsicherer finde als 20 oder 50 Kilometer entfernt. Und wir sind ja auch nicht alleine, denn in Frankreich gibt es ja auch AKW."

Das Interview zum Nachhören:

Pieter Wasmuth von Vattenfall Interview-Teil 1

Pieter Wasmuth von Vattenfall Interview-Teil 3

Pieter Wasmuth von Vattenfall Interview-Teil 4

Pieter Wasmuth von Vattenfall Interview-Teil 5