Radio Hamburg

Exponentiell heißt "rasend schnell"

Warum wir alle unsere Komfortzone neu definieren sollten

Wachstum, Exponentiell, Grafik, Shutterstock

COVID-19 ist zwar aktuell das vorherrschende Thema in allen Medien, aber man darf nicht vergessen: Es geht auch wieder vorbei. Wirklich!

Damit COVID-19 aber möglichst schnell und möglichst glimpflich vorbeigeht und vor allem: Damit die sorgfältige und professionelle Versorgung aller Erkrankten, ob in häuslicher Betreuung oder im Krankenhaus, gewährleistet werden kann, können wir alle einen Beitrag leisten .

Gefahr erkennen

Um zu verstehen, was am neuen Coronavirus so gefährlich ist, muss man wissen, was exponentielles Wachstum bedeutet. Nämlich: Eine Vermehrung, die sich ständig selbst beschleunigt. Dies lässt sich auch beim Coronavirus erkennen. Das ist der Hintergrund, warum nun immer strengere Auflagen verhängt werden. So soll verhindert werden, dass es sich exponentiell verbreitet. 

Linear und exponentiell: Ein Erklärungsversuch

Beim linearen Wachstum kommt in festen Zeitabständen eine feste Anzahl an Fällen hinzu, beispielsweise Tausend pro Woche. Beim exponentiellen Wachstum dagegen findet in einem festen Zeitraum jeweils eine Verdopplung der Fallzahl statt. Exponentielles Wachstum ist gefährlich, weil man es am Anfang leicht unterschätzt. Denn zu Beginn läuft die Kurve gemächlich vor sich hin. Dann wird sie immer steiler und schießt bald nahezu senkrecht nach oben.

Zwei Beispiele für exponentielles Wachstum

Zum einen gibt es die Legende vom Erfinder des Schachspiels, der von einem indischen König erbat, in Reiskörnern entlohnt zu werden: Ein Korn für das erste Feld des Schachbretts und von da an immer doppelt so viele – zwei für das zweite Feld, vier für das dritte, acht für das vierte. Nichtsahnend willigte der König ein. Damit hätte er für das letzte Spielfeld eine neunzehnstellige Zahl an Reiskörnern auftreiben müssen, was der globalen Ernte mehrerer Jahrhunderte entspricht.

Ein anderes Beispiel: Zwei Personen gehen jeweils 30 Schritte . Person eins macht normale Schritte – eins plus eins plus eins, ist also am Ende genau 30 Schritte weit weg. Person zwei trägt gigantische Siebenmeilenstiefel und macht damit exponentielle Schritte. Heißt: Jeder Schritt ist doppelt so lang wie der vorangegangene – also 1 plus zwei plus vier plus acht plus 16 und so weiter. Kaum vorstellbar: Person zwei hat mit ihren 30 Schritten den Erdball schlappe 30-mal umrundet.

Die Folge

Bei ungebremstem Wachstum wären spätestens Mitte Mai mehr als eine Million Menschen in Deutschland mit dem Virus infiziert.

Zwar verläuft die Krankheit bei der Mehrzahl der Infizierten harmlos. Doch etwa jede fünfte Erkrankung nimmt einen schweren Verlauf, die eine Behandlung im Krankenhaus erfordert. Auch diese Zahl könnte also in einigen Wochen im sechsstelligen Bereich liegen.

Ein Teil der Patienten wird eine intensivmedizinische Behandlung benötigen. Dafür gibt es in Deutschland etwa 28 000 Betten. Aber: Schon Mitte April könnte die Corona-Epidemie alle freien Kapazitäten des deutschen Gesundheitswesens binden. Und zur Erinnerung: Es geht um exponentielles Wachstum. Einige Tage später verdoppelt sich die Zahl der Patienten erneut.

Dies verdeutlicht vielleicht, was ohne Gegenmaßnahmen passieren könnte. Tatsächlich dürfte ein weiterer Anstieg der Fallzahlen eine drastische Reaktion des Staates hervorrufen: Weitere Schulschließungen, Einschränkungen für Gastronomie und Verkehr, Sperrzonen und Ausgehverbote.

Flatten the curve

Das oben beschriebene exponentielle Wachstum kann es in der Natur aber nicht ewig geben. Ab einem gewissen Punkt flacht jede noch so steile Kurve wieder ab, die Zahl der Neuinfektionen geht zurück. Die entscheidende Frage ist, wann dieses Plateau erreicht wird. Es kommt darauf an, die Kurve so früh wie möglich zum Abflachen zu bringen.

Das bedeutet zwar nicht unbedingt, dass weniger Menschen krank werden. Solange es keinen Impfstoff gibt, gehen Epidemiologen davon aus, dass weite Teile der Bevölkerung früher oder später das Coronavirus bekommen. Entscheidend ist jedoch die Zeitachse. Das Abflachen bewirkt, dass weniger Menschen gleichzeitig krank sind und eine Behandlung benötigen.

Definiert eure Komfortzone neu!

Um diese Kurve möglichst früh zum Abflachen zu bringen, kann jeder von euch etwas beitragen. Nämlich, indem er sich selbst und andere (Familie, Freunde, Fremde) schützt. Hierfür muss man einiges neu sortieren und sich einige - vielleicht nicht ganz so bequeme, aber dennoch wichtige - Fragen stellen:

Muss ich mich als Schüler jetzt, wo die Schulen geschlossen sind, wirklich mit der ganzen Klasse irgendwo treffen? Zum Lernen oder einfach nur so, weil's so schön ist?

Muss ich, weil ich Arbeit und Kinderbetreuung gleichzeitig organisieren muss und es vielleicht etwas unbequem wird, die Kinder wirklich zu Oma und Opa oder zur Arbeit mitnehmen?

Kann der geplante Kindergeburtstag nicht auch nachgefeiert werden? Müssen Oma und Opa wirklich dabei sein?

Kurz: Müssen gewisse Dinge gerade wirklich sein oder gibt es vielleicht Alternativen? Und wenn es keine Alternativen gibt: Ist das wirklich im Moment so schlimm? Auch wenn es unbequem ist und ihr vielleicht auf geliebte Rituale oder Menschen verzichten müsst: Seid flexibel, beißt die Zähne zusammen und überlegt euch, wie ihr diese Zeit für euch sinnvoll nutzen könnt. Entschleunigt, denkt um und sagt euch immer wieder:

Es ist ja nicht für immer, sondern für eine zwar ungewiss lange, aber dennoch begrenzte Zeit!

Wer sehen will, dass es wirklich etwas bringt, sich etwas zurückzunehmen, der findet  hier eine schöne Visualisierung verschiedener Szenarien.