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Team Wallraff deckt auf

Schockierende Zustände bei Billigflieger Ryanair

Team Wallraff deckt bei Ryanair auf

Erschreckende Zustände bei Billigflieger Ryanair - Team Wallraff hat hinter die Kulissen geblickt.

Das Team Wallraff deckt seit Jahren gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Missstände auf. Am Montag (07.10.) hat das Team die Zustände bei Billigflieger Ryanair offengelegt.

Flüge für 20 Euro - Billigflieger Ryanair macht's möglich. Für Reisende ein echtes Schnäppchen, doch die Dumping-Flugpreise kommen zu einem harten Preis. Schon seit Jahren steht der irische Flugkonzern in der Kritik an Sicherheit, Service und Bezahlung seiner Mitarbeiter bis zur Grenze des Möglichen zu sparen. Eine investigative Recherche des Team Wallraff bei RTL am Montagabend (07.10.) konnte eine Journalistin undercover in den Konzern einschleusen und hat dabei grauenhafte Entdeckungen gemacht.

Erschreckende Zustände bei Ryanair

Was hinter den Kulissen der Billig-Airline vor sich geht, lässt sich gut und gerne als schreckend zusammenfassen. Erstmals konnte eine TV-Reporterin für mehrere Wochen den Konzern als Stewardess kennenlernen. Sechs Wochen ließ sich Journalistin Alicia von der Leiharbeitsfirma Crewlink, die für Ryanair Personal rekrutiert, zur Flugbegleiterin bei Ryanair ausbilden. Die Zustände und der Druck auf den Auszubildenden sind dabeu schockierend:

"Viele haben finanzielle Probleme, sind also schon hoch verschuldet, wenn sie anfangen diese Ausbildung zu machen. Man wird permanent angeschriene. Zudem ist dieses Ausbildungszentrum sehr spärlich  und karg eingerichtet. Dort müssen die Auszubildenden in teilweise verschimmelten Massenunterkünften wohnen. Sie dürfen nur zweimal die Woche mit einem Bus zum Einkaufen fahren. So entsteht bei den Leuten eine Grundstimmung, die eher zweifelnd und ängstlich ist. Viele haben regelmäßig geweint und einige Mädels sind auch zusammengebrochen."

Ausbeutung zur Lasten der Sicherheit

Alicia berichtet von wenig bis überhaupt keiner praktischen Übung, Notfallszenarien werden nicht ausreichend trainiert. Einfach alles auswendig zu lernen muss reichen. Profit geht über der Sicherheit der Passagiere:

"Der Verkauf ist sehr wichtig, weil hier der ganze Profit von Ryanair gemacht wird. Die können ja nur so günstige Flüge anbieten, wenn in der Luft ordentlich Geld eingenommen wird. Dann gibt es auch Mindesteinnahmen. So müssen mindestens 50 Euro pro Strecke eingenommen werden. Passiert das nicht, gibt es Ärger. Man muss zum Beispiel zum Rapport und wird vorgeladen."

Wenig Hoffnung auf Änderung

Das Team und Investigativ-Journalist Wallraff haben selbst wenig Hoffnung, dass sich zeitnah etwas bei dem Flugriesen ändern wird. "Ich befürchte, die sitzen das aus, wie sie das bisher immer gemacht haben. Die sagen: Der Umsatz alleine ist für uns interessant. Wir reagieren nicht. Wir sind diejenigen, die bestimmen, was Sache ist und der Gewinn ist der einzige, was von Interesse ist", So Günter Wallraff. Doch ganz umsonst soll die Recherche nicht gewesen sein. Das Team hofft, auf Reaktionen aus der Politik und den Verbrauchern. "Wir haben konkretisiert, was man schon befürchten musste. Hier sollten sich Verantwortliche, für die Luftfahrt zuständige, aber auch Politiker jetzt doch Gedanken machen, dem Ganzen Einhalt zu gebieten. Zumindest die Einhaltung gesetzlicher Bestimmungen sollte veranlasst werden. Damit wäre schon einiges erreicht", so Wallraff. Wichtig sei es aber auch, das Bewusstsein der Passagiere und Verbraucher zu schärfen.

Die Zustände bei Ryanair im Detail

Erste Hilfe: Für die medizinische Notfallversorgung an Bord sind mindestens anderthalb Tage Ausbildung in Erster Hilfe behördlich vorgeschrieben. Und exakt so lange dauert der Kurs in der Ryanair-Ausbildung. In einer Power-Point-Präsentation werden dazu rund 40 medizinische Themen zügig abgehandelt, danach wird abgefragt. Hier zeigt sich, dass einige Kollegen dem Vortrag auf Englisch offenbar nicht richtig folgen konnten und deshalb falsche oder gar keine Antworten geben. Beim Erlernen einer korrekten Herzrhythmus-Massage hat die RTL-Reporterin genau einen Versuch, um sich alles zu merken. Der unabhängige Luftfahrt-Sicherheitsexperte Thomas Friesacher bewertet die dokumentierten Szenen so: „Als maßgeblich erfüllende Ausbildung würde ich das nicht ansehen.“





Notlandung/Evakuierung: In der 5. Ausbildungswoche finden erstmals Übungen an einer Flugzeug-Attrappe statt. Im Ryanair-Handbuch werden sieben verschiedene Notlandungsszenarien beschrieben. Doch die in Gruppen eingeteilten angehenden Flugbegleiter trainieren aktiv jeweils nur eine mögliche Variante. Am Ende schafft es keine Gruppe, die Kabine innerhalb von 90 Sekunden zu evakuieren. Eine Nachbesprechung findet nicht statt. Der RTL-Reiseexperte Ralf Benkö: „Das ist wirklich extrem. Das Grundprinzip in der Luftfahrt ist, dass man Nachbesprechungen macht, dass man was verbessert. Wenn so etwas fehlt, ist das elementar.“ „Team Wallraff“ hat sowohl Ryanair als auch die Leiharbeitsfirma Crewlink um Stellungnahme gebeten, geantwortet hat nur Crewlink: „Alle unsere Kabinenpersonalschulungen sind von der irischen Luftfahrtbehörde gemäß den EASA-Bestimmungen genehmigt.“





Verkaufstraining: Fast die gesamte letzte Woche der Ausbildung zum Flugbegleiter besteht aus Verkaufstraining. Die Ausbilderin lässt ihre Schüler auch wissen, warum: „Weil sie (Ryanair, d. Red.), mit den Verkäufen den größten Profit machen.“ Den Flugbegleitern würden als Bonus zehn Prozent der Verkäufe ausbezahlt. „Wenn Du keine 50 Euro machst, musst Du Dich erklären.“ Das ernüchternde Fazit der RTL-Reporterin: „Eine ganze Woche investiert Ryanair in unsere Verkaufsschulung. Die lebensrettenden Evakuierungsszenarien haben wir nur einen Tag geübt. Das zeigt für mich, wo der Schwerpunkt liegt. Eigentlich sind Flugbegleiter in erster Linie für die Sicherheit und nicht für den Verkauf an Bord zuständig. Bei Ryanair scheint das anders zu sein.“





Ryanair-Arbeitsvertrag: Der Arbeitsvertrag, den die RTL-Reporterin nach bestandener Prüfung von der Leiharbeitsfirma Crewlink erhält, die Personal für Ryanair stellt, widerspricht in Teilen dem deutschen Arbeitsrecht. So gibt es z. B. eine Kündigungsfrist von null Tagen in den ersten 13 Arbeitswochen. In der Probezeit beträgt diese Frist jedoch grundsätzlich zwei Wochen. Die von Crewlink gewährten 18 Urlaubstage im Jahr unterlaufen laut Arbeitsrechtler David Schäfer die Bestimmungen des Bundesurlaubsgesetzes, wonach bei einer 5-Tage-Woche mindestens 20 Tage gewährt werden müssen. Die Stellungnahme von Crewlink dazu: „Crewlink hält sich voll und ganz an das deutsche Arbeitsrecht.“





Bordservice bei Abflug-Verzögerungen: Bei einem Flug von Manchester nach Frankfurt kommt es nach dem Boarding witterungsbedingt zu einer zweieinhalbstündigen Verzögerung des Abflugs. Laut EU-Recht stehen den Passagieren bei einem Flug bis 1.500 km und ab einer Verspätung von zwei Stunden u.a. gratis Getränke und Snacks zu – unabhängig vom Grund der Verspätung. Doch trotz der Hitze und Unruhe an Bord dürfen die Stewardessen nur einen kostenpflichtigen Bordservice vornehmen. Später bei der Nachbesprechung im Frankfurter Crewraum macht ihr ein Kollege noch einmal klar: „Wir geben niemals etwas gratis raus. Niemals!“ Auch nicht, wenn es ein Anrecht der Passagiere darauf gäbe, hakt die RTL-Reporterin nach. „Das ist Ryanair scheißegal. Für den Hinterkopf: Wenn Du etwas gratis rausgibst, kriegst Du richtig Probleme. Das ist schon passiert. Leute wurden deswegen schon gefeuert.“ Auf die Bitte um eine Stellungnahme dazu bekam „Team Wallraff“ von Ryanair keine Antwort.





Losverkauf: Los-Lotterien sind eine gängige Praxis bei Ryanair-Flügen, das erlebt auch Günter Wallraff auf einem Flug nach Mallorca. Auf den Losen steht, dass der Erlös an mehrere Kinderhilfsorganisationen in Europa geht. Die RTL-Reporterin fragt nach und alle Kollegen, mit denen sie darüber spricht, erklären ihr, dass nur ein kleiner Teil des Geldes wirklich gespendet wird und Ryanair den großen Rest einbehalten soll. Die RTL-Reporterin verkaufte als Stewardess eher unterdurchschnittlich pro Flug für 10 Euro Lose. Bei rund 2000 Ryanair-Flügen täglich ergäben sich daraus hochgerechnet in fünf Jahren 36.500.000 Euro. Da Ryanair nach eigenen Angaben in den letzten fünf Jahren 2 Millionen Euro gespendet hat, wären das knapp 5,5 Prozent der Los-Einnahmen. Zum Vergleich: Staatliche deutsche Lotteriegesellschaften müssen 40 % der Einnahmen für das Gemeinwohl abgeben. Ryanair verkauft die Lose ausschließlich im Luftraum, wo keine staatlichen Lotteriegesetze gelten. Die Anfrage an Ryanair zu dem Geschäft mit den Losen blieb unbeantwortet.





Ticketschalter und Check-In-Abfertigung: Bei der Schulung zur Bodenstewardess eines Ryanair-Dienstleisters erlebt RTL-Reporterin Alicia im August 2019 am Flughafen Köln/Bonn, mit welchen Methoden Passagiere zusätzlich zur Kasse gebeten werden. Der Passagier ist immer in der Beweispflicht. Kann er nicht eindeutig nachweisen, dass er vergeblich versucht hat, sich mindesten zwei Stunden vor Abflug über das Internet einzuchecken, muss er am Schalter zahlen: 20 Euro beim Fehlen einer Bordkarte, 55 Euro, wenn er nicht eingecheckt ist. Eine Familie, deren Auto-Korrekturprogramm im Handy einen Nachnamen falsch korrigiert hatte, muss 160 Euro für die korrekte Namens-Eingabe zahlen. Eine Kollegin erzählt der RTL-Reporterin, sie allein habe an diesem Tag 2000 Euro an Gebühren eingenommen, vornehmlich für Gepäck und Check-In.