Radio Hamburg

Messerattacke am Jungfernstieg

Warum nennen wir die Herkunft des Täters?

Hamburg, 13.04.2018
Justizia vor Rechtsbüchern

Der Mann, der am Jungfernstieg seine Ex-Frau und 1-jährige Tochter erstochen haben soll, stammt aus dem Niger. Wichtiger Fakt oder vollkommen unwichtig? 

Auch wir haben im Zuge der Berichterstattung rund um die tödliche Messerattacke am S-Bahnhof-Jungfernstieg am Donnerstag (12.04.), bei der eine Frau und ihre 1-jährige Tochter ums Leben gekommen sind, berichtet, dass der mutmaßliche Täter, Ex-Mann der Frau und Vater des Mädchens, aus dem westafrikanischen Land Niger stammt. Daraufhin haben uns eine Vielzahl von Nachrichten erreicht, in denen wir gefragt wurden, warum wir die Nationalität des Täters nennen. Es sei doch schließlich vollkommen egal aus welchem Land der Täter komme, die Tat sei doch genauso schlimm, wenn sie von einem Deutschen, Italiener oder Brasilianer begangen worden wäre. 

Spiel die Nationalität eine Rolle?

Von Radio Hamburg Hörerin Anya hat uns beispielsweise die berechtigte Nachfrage erreicht: "Spielt die Nationalität eines solchen Psychopathen wirklich eine erwähnenswerte Rolle in Anbetracht dessen, dass die Gemüter bezüglich der Flüchtlingsfrage nicht ohnehin schon teils überhitzt sind und diese sich durch solche Meldungen in ihrer Meinung, 'Alle' wären so, noch bestätigt sehen? Dazu gibt es bestimmt wieder einen netten, unüberlegten Tweet von Frau von Storch. Fakt ist, der Typ ist ein Irrer, der zwei Menschen getötet hat. Alles andere ist meiner Meinung nach nicht relevant." Tatsächlich auch eine in der Medienbranche kontrovers diskutierte und noch immer nicht klar beantwortete Frage. Handelt es sich bei der Nennung einer Nationalität lediglich um neutrale Berichterstattung oder befeuert man damit tatsächlich Stereotypen und Ressentiments?

Warum nennen wir die Täter-Herkunft?

Erst einmal handelt es sich bei der Nennung der Herkunft des Täters um eine Grundsatzentscheidung unserer Redaktion. Wir nennen "grundsätzlich immer die Nationalität der Täter, also egal, ob sie aus den USA kommen, aus Schweden, aus Afghanistan oder aus Deutschland", so unser Nachrichtenchef Rainer Hirsch. Wie bereits erwähnt, ist diese Entscheidung selbst unterhalb Medienschaffenden höchst umstritten. "Weil es Menschen gibt, die der Meinung sind, dass, wenn jemand die Nationalität des Täters kennt, er sofort einen vorverurteilenden Rückschluss ziehen würde." Wir gehen allerdings erst einmal davon aus, dass ihr - die Radio Hamburg Hörer - so schlau seid, dass ihr euch nicht direkt von der Nationalität beeinflussen lasst. Ganz nach dem Motto: "War ja klar, dass der aus dem Niger kommt, da machen sie sowas ja immer." Ob unsere Annahme dann aber wirklich zutrifft, können wir aber auch nicht sagen.

Nicht voreilig Schlüsse ziehen

Lange nennen wir die Nationalität von Tätern übrigens noch nicht. Das ist auch für unsere Redaktion ein relativ neues Vorgehen. Im Übrigen wurden wir auch jahrelang dafür kritisiert, dass "wir eine bestimmte, möglicherweise aufgetretene Häufung von Straftaten durch Menschen bestimmter Nationalität verschwiegen hätten", so Hirsch. Ein Vorwurf, der auch Politik, Polizei und Justiz immer wieder ereilt. Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass wenn es tatsächlich Probleme mit gewissen sozialen Gruppen innerhalb unserer Gesellschaft gibt, diese nur gelöst werden können, wenn sie auch angesprochen werden. Wichtig ist, dass man aus derartigen Informationen nicht voreilig Schlüsse zieht - egal um welches Thema oder Problem es sich handelt. "Fakten sind das eine. Man darf dann aber nicht dazu kommen, dass die Schlussfolgerung ganz einfach und ganz schnell so und so ist", ohne die Hintergründe, das Umfeld und den Kontext zu kennen.

Journalistische Chronistenpflicht

Gerade in Zeiten, in denen die Herkunft eines Täters schnell durch die Politik instrumentalisiert wird und werden kann, ist es umso wichtiger alle bekanten Fakten zusammenzutragen und solchen Vorverurteilungen entschieden zu begegnen. Dazu gehört unserer Meinung eben auch die Nennung der Herkunft eines Täters.

Das ganze Interview mit unserem Nachrichtenchef Rainer Hirsch hört ihr euch noch einmal hier direkt an:

Warum nennen wir die Herkunft des Täters? Interview mit Nachrichtenchef Rainer Hirsch