Radio Hamburg

Der Weg des HSV

Abstieg oder sagenhafte Rettung

Hamburg, 16.04.2018
HSV, Flagge

Der Abstiegskampf ist Alltag geworden beim HSV. Diese Saison sieht es schlechter aus denn je. Wie geht es weiter mit dem Traditionsverein? 

Schon seit Jahren kämpft der Hamburger SV gegen den Abstieg. In dieser Periode ist es nicht gelungen, die sportliche Situation zu verbessern. Selbst die Investitionen des Investors Kühne reichen nicht aus, um eine klare Verbesserung der Situation herbeizuführen. Doch wohin führt der Weg des Klubs nun in den kommenden Jahren? Die Indikatoren dafür können schon heute unter die Lupe genommen werden.

Die aktuelle Saison

Natürlich ist den Verantwortlichen bewusst, dass die aktuelle Saison eine ganz und gar entscheidende für die weitere Entwicklung des Klubs sein wird. Während es dem Sportclub kurzfristig sogar gelang, auf den ersten Platz in der Tabelle zu klettern, kehrte schon nach den ersten vier Spieltagen Ernüchterung ein. Selbst prominente Verstärkungen, wie zum Beispiel der Abwehrchef Papadopoulos, konnten am Ende nicht für den Umschwung sorgen. In der Defensive offenbarten die Hamburger eklatante Schwächen und auch in der Offensive gelang es nicht, die Gegner ausreichend unter Druck zu setzen. Unter Trainer Markus Gisdol wuchs aus diesem Grund auch der mentale Druck auf die Mannschaft spürbar. Es folgte die Entlassung des Trainers aufgrund der lang ausgebliebenen Erfolge, die aus der Sicht des Vorstands nicht mehr zu vertreten waren.

Das Missverständnis Hollerbach

Als verschwendete Zeit kann im Nachhinein das Intermezzo von Trainer Bernd Hollerbach betrachtet werden. Während es ihm zu seiner Zeit als Spieler gelang, zu einer wahren Ikone des Klubs aufzusteigen, blieb er als Trainer sieglos. Folgerichtig war aus diesem Grund der erneute Wechsel auf dieser Position. Mit Christian Titz ist dort nun ein Mann am Ruder, welcher die Mannschaft wieder zu erreichen scheint. Doch nachdem man neue Hoffnung nach dem spektakulären Heimsieg gegen Schalke schöpfen konnte, folgte vergangenen Samstag der erneute Dämpfer in Sinsheim gegen die TSG Hoffenheim. Es sieht wieder düster aus für den HSV.

Entscheidungen im Abstiegskampf

Natürlich ist es für die Verantwortlichen nicht möglich, den Gang in Liga Zwei bereits als besiegelt zu betrachten, solange noch rechnerische Chancen bestehen, den ersten Abstieg in der Vereinsgeschichte abzuwenden. Aus dieser Perspektive betrachtet, werden die Spieler alles daransetzen, um in den letzten vier Spieltagen den Abstand von fünf Punkten auf den Relegationsplatz zu egalisieren. Mit jedem Punkt, der in dieser Periode gesammelt werden kann, steigt auf Seiten der Fans die Hoffnung, die unmögliche Rettung ein drittes Mal in den vergangenen Jahren über die Bühne zu bringen. Es liegt auf der Hand, dass dafür in jedem Fall eine klare sportliche Steigerung notwendig sein wird.

Gleichsam hängt es von der Konkurrenz ab, wie der Hamburger SV die Bundesligasaison 2017/18 beenden wird. Der FSV Mainz 05 präsentiert sich nun schon seit mehreren Spieltagen als klarer Wackelkandidat, der selbst gegen schwächere Gegner kaum Akzente setzen kann. Sollten die Mainzer im letzten Abschnitt der Saison erfolg- oder gar punktlos bleiben, so könnte dem HSV noch eine Restchance vergönnt sein. Doch alle Beteiligten sind sich darüber im Klaren, dass die Rettung aus eigener Kraft in der aktuellen Lage natürlich nicht mehr möglich ist. Schon jetzt wird der Blick deshalb auf mögliche Alternativen gerichtet.

Probleme in der 2. Liga

In der Tat befassen sich die Verantwortlichen des Vereins nun seit längerer Zeit mit dem Abstieg. Schon jetzt liegen Konzepte bereit, wie der Kader an die Anforderungen der zweiten Fußball Bundesliga angepasst werden kann. Einerseits geht es hier um die Frage, wie die Spielergehälter reduziert werden können. Erst unter dieser Voraussetzung wird es aus finanzieller Sicht möglich sein, die neue Situation zu stemmen. Besonders die starke Reduzierung der TV-Gelder, mit der sich der Verein im Falle eines Abstiegs auseinandersetzen müsste, würde die Verantwortlichen vor große Probleme stellen. Ohne die erneute Hilfe des Investors könnte es gar unmöglich sein, überhaupt eine Lizenz für die zweite Fußball Bundesliga zu erhalten. Einsparungen sind aus diesen Gründen absolut essentiell.

Der Kader für die 2. Liga

Weiterhin dreht sich vieles beim Hamburger SV um die Abgänge des hoch dotierten Kaders. Tatsächlich werden viele Spieler mit dem Versprechen, von nun an zweite Bundesliga zu spielen, nicht zu halten sein. Es braucht also Neuzugänge, um die Mentalität innerhalb des Teams wieder nach vorn zu bringen. Der Anspruch des Klubs muss es sein, im ersten Jahr in der zweiten Liga klar zu dominieren und den direkten Wiederaufstieg ins Visier zu nehmen. Beispielhaft wird am Fall des VfB Stuttgarts deutlich, wie ein solches Projekt von den Verantwortlichen angegangen werden könnte. Nach dem Abstieg 2015 entschieden sich die Stuttgarter für einen klaren Wandel im Kader, der vor allem Spieler mit viel Zweitligaerfahrung in die eigenen Reihen holte. Diese trugen im Anschluss einen ganz entscheidenden Teil zur Rettung des Klubs bei. Einen solchen Weg sollte der HSV ebenfalls in Betracht ziehen, sollte es zum Abstieg aus der ersten Liga kommen.

Neue Identifikationsfiguren schaffen

Natürlich stellt sich die Frage, welche Spieler aus dem aktuellen Kader überhaupt den Weg bis in die zweite Liga mitgehen würden. Viele Akteure zeigten vor ihrer Zeit beim HSV sehr gute Leistungen und sind aus diesem Grund weiter für andere Teams interessant. Zudem ist der Verein darauf angewiesen, die eine oder andere Million durch Spielerverkäufe zu generieren. Kandidaten für einen Wechsel sind unter anderem Filip Kostic, Lewis Holtby oder Aaron Hunt. Sie würden womöglich auch in der Bundesliga andere Vereine finden, um dort ihre Karriere unter neuen Vorzeichen fortzusetzen. Für andere Spieler ist es dagegen unwahrscheinlich, dass entsprechende Offerten eingehen werden.
Viele junge Talente, die sich im aktuellen Kader befinden, zeichnen sich bis heute durch ein großes Entwicklungspotenzial aus. Die Verantwortlichen des HSV werden deshalb daran interessiert sein, sie auch während der Zeit in der zweiten Liga zu halten. Lediglich Jann-Fiete Arp wird aufgrund der bereits gezeigten starken Leistungen dazu in der Lage sein, einen neuen Verein zu finden. Andere Spieler könnten dem HSV im Laufe der kommenden Jahre wieder zu einem neuen Gesicht verhelfen. Nun stehen die Verantwortlichen vor der großen Herausforderung, neue Identifikationsfiguren zu schaffen, die langfristig eine Verstärkung des Kaders darstellen. Sie könnten zur wichtigen Grundlage für die Zeit nach dem Abstieg in die zweite Liga werden.

Was passiert mit dem Trainer?

Auch der neue Trainer Christian Titz wird Gegenstand der Diskussionen sein.

Einerseits spricht sein Kontakt zur Mannschaft dafür, ihn auch im Falle des Abstiegs weiter zu beschäftigen. In den ersten Spielen unter ihm zeigte die Formkurve des Teams klar nach oben, was ein Anreiz sein könnte, in den kommenden Jahren auf eine gemeinsame Zusammenarbeit zu setzen. Ein Blick auf die Situation auf dem Platz offenbart ein solides System, welches aus einer stabilen Defensive herausgespielt wird. Durch eine Umstrukturierung der Offensive gelang es sogleich, dort ein neues Maß an Präsenz zu zeigen, wie es die Fans seit einiger Zeit nicht mehr gewohnt waren. Unter diesen Umständen könnte sich diese Trainerlösung zu einem wichtigen Baustein für den Weg zurück in die erste Liga entwickeln.

Allerdings entscheiden sich nur wenige Vereine tatsächlich dafür, den Trainer im Falle des Abstiegs weiter zu beschäftigen. Beispielhaft bewies zuletzt der SC Freiburg, dass ein solcher Weg gegangen werden kann. Andere Vereine vermuten eine zu starke Verknüpfung zwischen Trainer und sportlichem Niedergang. Schätzen die Verantwortlichen des Hamburger SV die Situation in ähnlicher Weise ein, so wird dies der Zusammenarbeit mit Trainer Christian Titz in Zukunft im Wege stehen. Er ist also gefordert, ein System für die kommenden Jahre der Entwicklung zu präsentieren. Gelingt es ihm nicht, den Vorstand von diesem Konzept zu überzeugen, so wird die ewige Trainer-Rochade auf der Bank in Hamburg auch mit ihm kein Ende nehmen.

Viele Experten sprechen sich inzwischen für eine neue Festigkeit auf der Position des Trainers aus. Kaum ein anderer Verein verschliss in den vergangenen Jahren so viele Trainingsleiter, wie der HSV. Kaum ein Verantwortlicher bekam genügend Zeit, um eine eigene Spielidee für die Mannschaft zu entwickeln und sich nach und nach mit dem dafür notwendigen Spielermaterial einzudecken. Sollte das Vertrauen in Christian Titz vorhanden sein, so steht damit die Chance in Verbindung, ihn längerfristig an den Verein zu binden. Am Ende läge darin die Gelegenheit, das so durchwachsene öffentliche Bild des Clubs zu relativieren, wie es in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit entstanden ist. Eine Erleichterung wäre auf diese Weise nicht nur auf Seiten der Fans geschaffen.

Der Blick auf das Restprogramm

Keinesfalls kann dem Hamburger SV ein besonders leichtes Restprogramm zugesprochen werden. Am 30. Spieltag war die TSG Hoffenheim als Gegner gefragt. Der Verein von Trainer Julian Nagelsmann befindet sich noch immer im Kampf um die internationalen Plätze und hat diesen Anspruch beim 2:0-Sieg in Sinsheim noch einmal unter Beweis gestellt. Mit Freiburg und Wolfsburg folgen zwei Teams, die selbst den Klassenerhalt innerhalb der nächsten Spiele klarmachen möchten. Zwar läge in einem Duell die Gelegenheit, den Abstand zu verkleinern, doch auch hier werden die Gegner alles versuchen, um die Norddeutschen zumindest durch ein Unentschieden auf den direkten Abstiegsplätzen zu halten. An den letzten beiden Spieltagen, an denen sich das Schicksal des Vereins entscheiden wird, bekommt es der HSV dann mit den Teams aus Frankfurt und Gladbach zu tun. Auch diese hegen nach wie vor große Ambitionen für den europäischen Wettbewerb und werden keinen Gang zurückschalten. Es braucht demnach eine besonders geschlossene Mannschaftsleistung von Seiten des HSV, um in diesen Duellen Punkte zu holen, die für das Ziel Klassenerhalt so dringend benötigt werden.

Entscheidende Wochen für den Verein

In jedem Fall stehen dem HSV nun entscheidende Wochen bevor. Einerseits kann es dem Team durch eine starke Mannschaftsleistung noch gelingen, den schon sicher geglaubten Abstieg noch einmal zu verhindern. Andererseits müssen sich die Verantwortlichen weiterhin ihren Planungen für die zweite Liga widmen. Sie stehen vor der großen Frage, wie sie den Verein für seine erste Saison in der zweiten Fußball Bundesliga aufstellen. Bereits allein aufgrund der finanziellen Motive wird es notwendig sein, einen Umbruch im Kader einzuleiten. Die Mannschaft wird Spieler benötigen, die besser mit dem Niveau der zweiten Liga vertraut sind und so zu einer erfolgreichen Lösung der Aufstiegs-Aufgabe bereit sind. Mit jedem der nächsten Spiele, bei denen keiner der Gegner zu unterschätzen ist, rückt eine so zentrale Entscheidung in dieser Frage näher, die die Fans des Hamburger Sportvereins nun schon seit so langer Zeit beschäftigt.