Radio Hamburg

Ein persönlicher Kommentar

Weinstein, Spacey & Co: Ist Kunst abhängig vom Künstler?

Hamburg, 13.11.2017
Kevin Spacey

Darf ich mir House Of Cards noch angucken?

Sexuelle Belästigung und Vergewaltigung sind in den letzten Wochen zum großen Thema der Medien geworden. 

Das sind die Fakten

Angefangen hatte das Ganze mit Vorwürfen gegen Hollywood-Produzent Harvey Weinstein. Er soll über Jahrzehnte über hundert Frauen, darunter viele bekannte Hollywood Schauspielerinnen, sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt haben – Weinstein selbst streitet ab, dass er nicht einvernehmlichen Sex gehabt habe.

Bye, Bye House Of Cards

Auch gegen Kevin Spacey wurden schwere Vorwürfe erhoben. Schauspieler Anthony Rapp berichtete, im Alter von nur 14 Jahren von Spacey sexuell bedrängt worden zu sein. Der Streaming Dienst Netflix stellte die Dreharbeiten von „House of Cards“ unmittelbar ein – bei einem bereits abgedrehten Film wird Kevin Spacey komplett rausgeschnitten und durch einen anderen Schauspieler ersetzt. 

Komiker Louis C.K. ebenfalls bezichtigt

Auch dem US-amerikanische Komiker Louis C.K. wurde vorgeworfen, Frauen sexuell missbraucht bzw. sich ungefragt vor ihnen entblößt zu haben. Er selbst hat dies bei fünf Frauen zugegeben. Damit ist Louis C.K. bisher der erste, der sich öffentlich und ehrlich zu den Vorwürfen gemeldet hat. Er veröffentlichte ein Statement in der New York Times, in dem er sagt, dass die Geschichten alle wahr seien. In dem Statement sagt C.K. unter anderem, dass er sich seine Handlungen selbst nicht verzeihen könnte.

Ein problematischer Fall: Ed Westwick

Auch Schauspieler Ed Westwick, bekannt aus der Serie Gossip Girl, wird von mittlerweile zwei Frauen vorgeworfen, sie sexuell missbraucht zu haben. Schauspielerin Kristina Cohen veröffentlichte auf Facebook ihre Geschichte, in der sie behauptet, Westwick sei „mit seinen Fingern über ihren Körper gefahren“ und habe gesagt „er wolle sie ficken“. Westwick bestreitet die Vorwürfe und behauptet, die Frau nicht zu kennen. Aurelié Wynn, ebenfalls Schauspielerin, behauptet sie habe mit dem Schauspieler etwas Ähnliches erlebt. Auch auf diesen Vorwurf reagierte Westwick mit Widerspruch und bezeichnet die Vorwürfe als unverifiziert. Ein Film mit dem Schauspieler soll mittlerweile aus dem Programm des BBC genommen worden sein und die Dreharbeiten zu seiner aktuellen Serie „White Gold“ sind angeblich auch unterbrochen.

Wie soll sich das Publikum verhalten?

Viele Vorwürfe, wenig Beweise. Wie soll man mit diesen Nachrichten denn nun umgehen? Müssen House of Cards oder Gossip Girl Fans sich jetzt dafür schämen, die Leistung der Schauspieler honoriert zu haben oder es noch immer zu tun? Darf man sich die Auftritte von Louis C.K. jetzt nicht mehr angucken und darüber lachen, weil er ein schlechter Mensch ist? Müssen wir uns nicht fragen, ob man die Kunst unabhängig vom Künstler betrachten darf? Kurz: Wie haben wir, das Publikum, uns jetzt zu verhalten? Kunst ist doch etwas Freies, fast alles und fast jeder kann als Kunst bezeichnet werden. Kunst ist das, was das Publikum daraus macht, oder nicht? Wenn ich mir „Thriller“ von Michael Jackson anhöre, löst es bei mir vermutlich etwas ganz Anderes aus als bei meinem Sitznachbarn. Kunst ist individuell. Und ob Picasso ein hinterhältiger Lügner war, weiß ich nicht. Finde ich deshalb seine Kunst jetzt weniger gut? Nein.

Jeden Tag kommen neue Vorwürfe ans Licht, es ist schlimm, ich möchte das nicht lesen – wenn ich lese „Neue Vorwürfe gegen…“ hoffe ich, dass es nicht der Name meines Lieblingsschauspielers ist. Ich hoffe, dass es nicht plötzlich heißt Kiefer Sutherland, Ryan Reynolds oder Kevin Costner wären auch schlechte Menschen. Die gleiche Situation gab es schon einmal mit Michael Jackson. Mit Bill Cosby. Das waren Helden vieler Kindheiten. „Unschuldig bis zum Beweis der Schuld“ lese ich häufig in den Facebook Kommentaren unter neuen Berichten über mehr Vorwürfe. Aber, und das ist nur meine Meinung: Wir sind nicht das Gericht. Wir haben doch nichts damit zu tun, was unsere Lieblingsschauspieler oder –Sänger falsch gemacht haben. Wir können doch nichts dafür.

Wenn jetzt zum Beispiel herauskommen würde, dass ein Goethe, ein Schiller, ein Beethoven genau die gleichen Dinge getan hätten, die Weinstein & Co. vorgeworfen werden: Würden wir alle Werke dieser Dichter, Denker, Musiker dann verbannen? Dürften wir dann die Leistung, die diese Menschen gebracht haben, nicht mehr wertschätzen oder nutzen? Ich finde, dass man so nicht denken kann. Ich möchte mir House of Cards angucken, weil die Serie übertrieben gehyped wurde. Weil diese Serie großartig sein soll. Weil Kevin Spacey seine Rolle großartig verkörpert haben soll. Ja, wahrscheinlich ist er ein Arsch. Wahrscheinlich hat er den Ruhm nicht verdient. Aber ich habe House of Cards verdient. Und ich finde es falsch, damit anzufangen, Filme, Serien, Songs aus unseren Leben, von den Streaming Plattformen oder von sonst etwas zu verbannen, nur weil die Künstler dahinter große, ekelhafte Fehler gemacht haben. „Wer frei von Sünde ist werfe den ersten Stein.“ Und alle, die schon einmal etwas bei H&M gekauft haben, dürfen sich gerade mal an die eigene Nase fassen. Ich höre Michael Jackson, ich gucke Gossip Girl, ich finde Louis C.K. witzig. 

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