30. September 2026 – Jette Maren Dreher
Demis Volpi spricht erstmals über die Zeit nach seiner Demission beim Hamburg Ballett und wie ihn die öffentliche Kritik persönlich getroffen hat.
- Demis Volpi spricht erstmals ausführlich über seine vorzeitige Ablösung als Intendant des Hamburg Balletts und weist zentrale Vorwürfe gegen seine Arbeit zurück.
- Er räumt ein, möglicherweise nicht genug auf Warnsignale gehört zu haben, betont aber, die öffentlichen Anschuldigungen seien für ihn überraschend gekommen und hätten ihm persönlich stark geschadet.
- Besonders enttäuscht zeigt sich Volpi von Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, von dem er sich mehr Unterstützung und Vermittlung im Konflikt erhofft hatte.
Der geschasste Intendant des weltberühmten Hamburg Balletts, Demis Volpi, hat sich nach mehr als einem Jahr erstmals öffentlich zu den Umständen seiner Demission geäußert. Mittlerweile freue er sich, sich wieder auf seine Arbeit konzentrieren zu können, sagte der Deutsch-Argentinier der Wochenzeitung «Die Zeit» in einem Interview. Es sei aber nicht einfach gewesen. "Anfangs fühlte ich mich wie gelähmt. Ich bin kein Politiker, sowas prallt nicht an mir ab." Intendant John Neumeier hatte nach 51 Jahren an der Spitze die Leitung des Balletts an Volpi übergeben. Dieser sollte, das Repertoire mit neuen Produktionen bereichern, aber auch John Neumeiers Erbe erhalten.
Nicht einmal ein Jahr Intendant in Hamburg
Volpi war von August 2024 an nicht einmal ein Jahr Intendant des weltberühmten Hamburg Balletts. Dann wurde sein Vertrag vorzeitig aufgelöst. Zuvor stand er massiv in der Kritik. Unter anderem hatten ihm Tänzerinnen und Tänzer in einem Brief an Kultursenator Carsten Brosda (SPD) ein schlechtes Arbeitsklima und mangelnde Kompetenz vorgeworfen.Vor seinem Wechsel nach Hamburg war Volpi zwei Jahre Ballettdirektor und Chefchoreograf des Balletts am Rhein in Düsseldorf. Im kommenden Frühjahr will der 40-Jährige mit einem Stück an das Stuttgarter Ballett zurückkehren, wo er lange als Haus-Choreograph tätig war.
Volpi: Ich wurde als Monster dargestellt
"Wenn man Woche um Woche Dinge über sich liest, die so anders sind als das, was man selbst erlebt hat, dann beginnt man an sich zu zweifeln", sagte Volpi über seine Hamburger Zeit. Er sei als eine Person mit zwei Gesichtern dargestellt worden: "nach außen hin freundlich, aber mit einer geradezu sadistischen Lust daran, andere zu demütigen." Das Bild, das von ihm gezeichnet worden sei, sei das Porträt eines Monsters gewesen. Der Vorwurf einiger Tänzer, er habe sich bei Proben kaum blicken lassen, sei ihm heute noch ein Rätsel. "Es ist nicht der Job des Intendanten, bei jeder Probe dabei zu sein." Seine zentrale und tägliche Aufgabe zu Beginn seiner Intendanz sei es gewesen, kommende Projekte zu planen, mit den Tänzern über ihre Entwicklung und ihre Ziele zu sprechen, Choreographen zu finden, die man einladen möchte, und deren Stücke zu sehen.
"Vorwürfe kamen aus dem Nichts"
Eigentlich sei er sehr gut in die Kompanie aufgenommen worden, sagte der Nachfolger von Ballett-Ikone Neumeier. "Wir hatten zu meinem Einstand eine Gartenparty." Es habe Aufbruchstimmung geherrscht. "Ich spürte große Lust an den neuen choreographischen Sprachen, bislang hatte die Kompanie ja fast ausschließlich Neumeier-Werke getanzt", so Volpi. Die öffentlichen Vorwürfe des Solotänzers Alexandr Trusch, er sei inkompetent und schaffe eine toxische Arbeitsatmosphäre, seien für ihn aus dem Nichts gekommen. Auch die Nachricht, dass insgesamt fünf Erste Solisten die Kompanie verlassen wollten, sei für ihn bis heute nicht nachvollziehbar.
"Vielleicht hätte ich besser hinhören müssen"
Er sei mit einem Grundvertrauen in andere in Hamburg an die Arbeit gegangen. "Das war naiv", sagte Volpi. Er räumte ein: "Vielleicht hätte ich hier und da besser hinhören müssen. Offensichtlich habe ich ja was verpasst." Er habe sich damals absichtlich nie öffentlich gegen die Vorwürfe gewehrt, weil er die Dinge intern habe klären wollen. "Dadurch entstand, was meine Person angeht, natürlich ein riesen Vakuum, mit enormem Schaden für mich." Er habe versucht, das Unternehmen und den Ruf der Kompanie zu schützen. "Das war meine Aufgabe als Intendant. Und das habe ich gemacht, bis zum letzten Tag."
Volpi enttäuscht von Kultursenator Brosda
Enttäuscht zeigte sich Volpi von Kultursenator Brosda. "Anfangs hatte ich noch das Gefühl, dass wir gemeinsam versuchen zu verstehen, was geschieht, um daraus einen Fahrplan zu erarbeiten", sagte er. Bald sei das aber nicht mehr so gewesen. "Mein Anwalt Peter Raue und ich haben Senator Brosda mehrmals gebeten, mir vor der Kompanie und in der Öffentlichkeit den
Rücken zu stärken, vergeblich." Da habe er sich im Stich gelassen gefühlt. Es falle ihm auch immer noch schwer zu begreifen, warum niemand im Senat versucht habe zu schlichten.
Mit Blick auf seinen Abgang über einen Auflösungsvertrag sagte Volpi: "Wenn der Vorsitzende des Aufsichtsrats nicht hinter dem Intendanten steht, hat man keine Chance." Die Perspektive, sich zu wehren, hätte aus seiner Sicht einen jahrelangen Prozess bedeutet, der alle Beteiligten geschädigt hätte. "Der Preis war mir zu hoch."
Weitere News On Air
Weitere Nachrichten aus Hamburg, Deutschland und der Welt hört ihr immer zur vollen Stunde bei uns im Programm. Holt euch einfach unsere , hört uns über euren oder schaltet mit einem Klick unten auf den Playbutton das Webradio ein. Zum Nachhören gibt’s das Ganze natürlich auch noch mal als .
Foto: Bloomicon / Shutterstock.com
Für iOS & Android
Holt euch die kostenlose Radio Hamburg App
Hört uns an jedem Ort auf der Welt in bester Qualität & störungsfrei über unsere kostenlose App. Holt sie euch jetzt für Android oder iOS.