21. August 2026 – Jette Maren Dreher
Eine geplante Vollsperrung auf der Bahnstrecke Hamburg-Lübeck sorgt für Kritik. Hafenbetreiber befürchten Nachteile für den Güterverkehr und fordern bessere Umleitungskonzepte.
- Die geplante 17-tägige Vollsperrung der Bahnstrecke Hamburg–Lübeck im Oktober sorgt bei der Lübecker Hafenwirtschaft für starke Kritik.
- Hafenwirtschaft befürchtet Ausfälle und Umsatzverluste.
- Die Bahn hält die Sperrung für nötig, um wichtige Bauarbeiten für die neue S4 durchzuführen.
Die Bahn muss ihre Infrastruktur dringend modernisieren, darüber sind sich das Verkehrsunternehmen und die Lübecker Hafenwirtschaft einig. Der Plan der Bahntochter InfraGo, die Strecke Hamburg-Lübeck zwischen Hamburg und Ahrensburg (Kreis Stormarn) für den Bau der S-Bahn-Linie 4 vom 3. bis zum 19. Oktober zu sperren, führt jedoch zu heftiger Kritik von Hafen- und Terminalbetreibern. Ein Bahn-Sprecher versicherte, der Hafen bleibe über geeignete Umleitungsstrecken erreichbar. "Das Konzept wurde den Kunden der Lübecker Häfen bereits vorgestellt und bietet eine verlässliche Grundlage für die Planung der Verkehre während der Bauphase."
LHG mit angebotener Umleitungsstrecke nicht zufrieden
Die DB InfraGO verweist nach Angaben des Geschäftsführers der Lübecker Hafen Gesellschaft (LHG), Sebastian Jürgens, auf die Route Lübeck-Büchen-Lüneburg. "Dort steht jedoch nur eine eingeschränkte Infrastruktur zur Verfügung", kritisierte er. Unter anderem sei die Strecke nicht durchgehend elektrifiziert. "Im Rahmen der Planungen zur Korridorsanierung wurde die Route sowohl von den betroffenen Unternehmen als auch von DB InfraGO als nicht ausreichend leistungsfähig für die vollständige Aufnahme der Verkehre bewertet." Der Grund liege vor allem darin, dass auf dieser Route nur kürzere Züge verkehren können, was wirtschaftlich problematisch sei, so Jürgens. Der Geschäftsführer befürchtet gravierende Nachteile: "Ladung kann nicht wie geplant auf der Schiene nach Lübeck angeliefert oder von dort abgefahren werden."
Von der 17-tägigen Vollsperrung im Oktober seien allein beim Terminal Baltic Rail Gate rund 260 Züge betroffen, deren reguläre Durchführung nicht gesichert sei. Auf diesen Zügen würden insgesamt rund 9.400 Trailer und Container transportiert. Zusammen mit den Gelegenheitsverkehren - etwa Ganzzügen für Holz, Baustoffe oder Autos - könne die Zahl der insgesamt betroffenen Güterzüge auf bis zu 340 steigen, befürchtet Jürgens. Der Geschäftsführer von Baltic Rail Gate, Dietmar Lonke, rechnet mit einem "signifikanten Umsatzrückgang, den wir im Jahresergebnis spüren werden". Das Personal müsse dennoch in voller Stärke vorgehalten werden.
Gibt es alternative Lösungen?
In erster Linie müsse DB InfraGO die erforderlichen Lösungen liefern, forderte Jürgens. "Das ist ihre Aufgabe als Infrastrukturbetreiberin." Stattdessen seien die betroffenen Unternehmen jetzt gezwungen, unter erheblichem Zeitdruck und mit hohem Aufwand selbst nach möglichen Alternativen zu suchen. Aus Lonkes Sicht müssen vor einer Vollsperrung leistungsfähige Umleitungsstrecken, ausreichende Güterzugtrassen und verbindlich abgestimmte Betriebsabläufe zur Verfügung stehen. "Genau diese Voraussetzungen fehlen bislang."
Könnte Ladung durch die Sperrung verloren gehen?
Das befürchtet der Baltic Rail Gate-Manager. "Es besteht die Gefahr, dass Ladung über andere Wege geroutet wird und anschließend möglicherweise dauerhaft nicht an unseren Standort zurückkehrt", so Lonke. "Ein noch größerer Schaden entsteht jedoch durch den Verlust des Vertrauens in den Verkehrsträger Schiene und insbesondere in die Verlässlichkeit der Route angesichts wiederholter Streckensperrungen, wie wir sie derzeit in Lübeck erleben."
Jürgens bringt Arbeiten ohne Vollsperrung ins Gespräch
Jürgens forderte von der InfraGO, tragfähige Umleitungskonzepte zu entwickeln. Ebenso wichtig seien eine gemeinsame, abgestimmte Kommunikation und die damit verbundene Planung. "Beides vermissen wir bislang." Zusätzliche Vollsperrungen im Vorfeld der Korridorsanierung sind aus seiner Sicht inakzeptabel. Jürgens erinnerte an frühere Baumaßnahmen, bei denen auf Vollsperrungen verzichtet worden sei. "Bei uns entsteht der Eindruck, dass bei Baumaßnahmen inzwischen reflexartig zu Vollsperrungen gegriffen wird", kritisierte er.
Warum setzt die Bahn auf eine Vollsperrung?
Die Sperrung ist aus Sicht der Bahn erforderlich, "um im ersten Bauabschnitt der S4 wichtige Infrastrukturmaßnahmen effizient und gebündelt umzusetzen". Die S4 schaffe eine leistungsfähige und zukunftsfähige Schienenverbindung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein.Alle im Oktober vorgesehenen Arbeiten seien eng mit weiteren Projekten abgestimmt und bildeten eine wichtige Grundlage für die Bauaktivitäten in den Jahren 2027 und 2028. Zudem werde die zweite Jahreshälfte 2028 für die Sanierung der Strecke Hamburg-Lübeck genutzt. Durch die frühzeitige und enge Abstimmung der Maßnahmen könnten Synergien genutzt und mehrere Arbeiten in einem konzentrierten Zeitraum umgesetzt werden, argumentiert das Unternehmen. "Dieses koordinierte Vorgehen trägt dazu bei, die Anzahl künftiger Eingriffe in den Bahnverkehr zu reduzieren und die Infrastruktur insgesamt schneller und wirtschaftlicher zu modernisieren", sagte der Sprecher. Als Grund für die Sperrung nannte er vor allem Arbeiten an einer Eisenbahnbrücke in Hamburg-Wandsbek, einschließlich Betonarbeiten und Anpassungen an der Oberleitung. "Diese Arbeiten bedingen eine Sperrung."
Forderungen an die Politik
Jürgens forderte die konsequente Einhaltung der Regel, wonach Vollsperrungen nur im Rahmen der Korridorsanierung erfolgen dürfen. Erforderlich seien frühzeitige Ankündigungen, die verbindliche Einbeziehung aller Betroffenen und gemeinsame Lösungsansätze, "wie wir sie bei der Korridorsanierung praktiziert haben". Besonders wichtig sind nach Jürgens Auffassung tragfähige Umleitungskonzepte für den Güterverkehr. "Nur so lassen sich wirtschaftliche Schäden und mögliche Schadensersatzforderungen vermeiden. Es wäre absurd, wenn Mittel aus dem Infrastruktur-Sondervermögen am Ende dafür aufgewendet werden müssten, die Folgen mangelnder Planung zu kompensieren", so Jürgens.
Bahn setzt auf Gespräche
Die Bahn will die Gespräche mit der Hafenwirtschaft in Lübeck fortsetzen. "Denn wir haben gelernt, dass nur im Gespräch die Perspektiven beider Seiten verstanden werden können, auch wenn in der Sache nicht immer ein Konsens entsteht", sagte der Sprecher. "Wir werden auf der Achse Hamburg-Lübeck auch in den kommenden Jahren wieder Themen zu besprechen haben. Daher ist uns ein intensiver Austausch sehr wichtig."
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Foto: Bloomicon / Shutterstock.com
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