14. April 2021 – Linda Shllaku

Das Interview mit Prof. Dr. Henning Lobin (Lobien)

Wir haben mit dem Direktor am Leibniz Institut über Gendersprache gesprochen

Hamburgs zweiter Bürgermeisterin Katharina Fegebank fordert, dass die Sprache gleichgestellt werden muss. Wir haben uns mit Professor Dr. Henning Lobin gesprochen, dem wissenschaftlichen Direktor am Leibniz Institut für deutsche Sprache in Mannheim.

Photo by Dainis Graveris on Unsplash
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Forderungen zur Gleichstellung der Sprache von Katherina Fegebank

Unsere zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank fordert, dass alles umgestellt und gleichgestellt wird. Wir haben deshalb mit Professor Dr. Henning Lobin, dem wissenschaftlichen Direktor am Leibniz Institut für deutsche Sprache in Mannheim. Radio Hamburg Hörer Micha hat zur Forderung Fegebanks direkt etwas zu sagen: „Das kommt davon, wenn man einen hochbezahlten Job hat, nichts zu tun, den ganzen Tag verträumt auf die Alster blickt. Dann kommt eine Frau Fegebank auf so einen scheiß.“

Was geht ihnen durch den Kopf, wenn sie so etwas hören

Professor Dr. Henning Lobin: "Das ist glaub ich nicht so richtig sachlich. Ich glaube, Frau Fegebank ist da nicht die allererste, die in diese Richtung denkt. Es gibt ja schon eine ganze Reihe anderer Städte, die genau das vorher schon gemacht haben. Schon vor zwei, drei Jahren sogar. Es sind da sehr unterschiedliche Dinge, die da in einen Topf geschmissen werden. Man sollte das ganze Thema doch auch etwas differenzierter sehen."

Inwiefern differenzierter?

Professor Dr. Henning Lobin: "Naja, es geht einerseits um die Gender-gerechte Sprache, dem berühmten Genderstern. Da gibt es viele Pro und Contra-Meinungen zu. Heftige Streitigkeiten. Aber auf der anderen Seite geht es dann um solche Begriffe wie Familienparkplatz statt Mutter-Kind-Parkplatz. Da muss man sagen, geht es nicht um die Tradition der deutschen Sprache - Goethe kannte noch keinen Mutter-Kind-Parkplatz. Da sieht man deutlich, dass das noch eine gesellschaftliche Entwicklung ist, die da einfach hinter steht. Heute stehen auf dem Mutter-Kind-Parkplatz eben nicht nur Mütter mit ihren Kindern, sondern eben ganze Familien, von denen man auch manchmal gar nicht so weiß, wer da alles dazugehört."

Was glauben sie, warum ist das Gendern so ein großes Problem?

Professor Dr. Henning Lobin: "Die Sprache ist eben etwas, was uns sehr persönlich angeht. Wir alle sind Experten der deutschen Sprache - nicht nur wir am Leibniz Institut für deutsche Sprache in Mannheim, sondern alle, die die deutsche Sprache erlernt haben, sind sozusagen richtige Sprachexperten. Und da glaubt auch jeder, eine Meinung haben zu können. Und diese Meinungen prallen aufeinander, weil die Sprache auch ein Spiegel dessen ist, wie man auf die Gesellschaft blickt. Und diejenigen, die eben auch die Gendersprache vertreten, die sind der Meinung, dass in dieser Hinsicht auch sehr viel mehr verändert werden müsste, um der Vielfalt der Gesellschaft Ausdruck zu verleihen. Auf der anderen Seite wird gesagt, das ist alles Blödsinn. Wir haben das generische Maskulinum, wir haben die Geschlechter und sollten eigentlich damit auskommen, alles andere ist Blödsinn. Das prallt einfach aufeinander. Da sollte man in meinen Augen sehr viel differenzierter miteinander sprechen."

Reicht es den aus, wenn die Behörden oder Universitäten gendern?

Professor Dr. Henning Lobin: "Es ist sowieso eine Frage der Wirkung. Man weiß, gewisse Auswirkungen hat es auf die Wahrnehmung der Welt. Allerdings nicht ursächlich. Durch Sprache wird nicht gewissermaßen zwingend die Wirklichkeit verändert. Das darf man sich gar nicht erst so vorstellen. Aber auf der anderen Seite ist es eben ein Anliegen, dass die Dinge einigermaßen zusammenpassen sollten. Wenn es also ein wichtiges Anliegen ist, die Gleichstellung der Geschlechter zu befördern, dann sind eben viele der Meinung, dass in sprachlicher Hinsicht nicht die Signale in eine andere Richtung reichen sollten. Und im privaten Bereich kann sowieso niemand in Deutschland etwas vorschreiben. Da sind wir alle völlig frei und es gibt keine Vorgaben."

Gibt es eigentlich auch andere Sprachentwicklungen, die wir vor Kurzem vollzogen haben und als völlig normal ansehen?

Professor Dr. Henning Lobin: "Ja, man kann eigentlich schon sagen, dass die Formen der Ansprache der Frau, also Männer und Frauen zu benennen - Bäcker und Bäckerinnen, in so einer Doppelform zum Beispiel, oder an Unis von Studierenden zu sprechen, das sind ja auch alles schon Umstellungen, die stattgefunden haben und auf die sogenannte feministische Linguistik zurückgehen. Viele dieser Dinge sind uns allen schon fast in Fleisch und Blut übergegangen. Da redet überhaupt niemand mehr drüber. Nur diese sehr auffälligen Formen, die heute durch den Genderstern beispielsweise oder in der gesprochenen Sprache durch den Knacklaut hervorgerufen werden, die sind eben so umstritten. Es gibt sehr, sehr viel, dass heute gar nicht mehr diskutiert wird."

Meinen sie, wir werden uns einfach an das Gendern gewöhnen?

Professor Dr. Henning Lobin: "Ich glaube, wir müssen uns daran gewöhnen, weil diejenigen, die es propagieren, denen es ein wichtiges Anliegen ist, ja nicht einfach verschwinden werden. Es wird auf der anderen Seite auch weiterhin diejenigen geben, die das alles für überzogen halten und es nicht praktizieren. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass diese Dinge eben in der Welt sind und wir gegenseitig damit klarkommen müssen. Es gibt keine Alles-oder-Nichts-Lösung. Auch in Hamburg nicht. Man sollte dieses Thema nicht dazu verwenden, in Stellungskriege zu verfallen."

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